Wirklich jung war die Rockmusik im Jahr 1973 nicht mehr, aber viele erinnerten sich immer noch gerne an die Zeit von Presley, Haley und Holly. Und sie erinnerten sich an Pat Boone und seinen Hit „Speedy Gonzales" aus dem Jahr 1962. Denn „Crocodile Rock", Elton Johns erster US No.1-Hit und die erste Singleauskopplung aus „Don't shoot me, I'm only the piano player", war nichts anderes, als eine Cover-Version dieses Songs. Das einzig Neue war Bernie Taupins Text, eine Hommage an die Zeit vor der British Invasion. Übel nahm ihm das aber offensichtlich niemand, denn die Single erreichte auch in England die Top 5 und das Album erklomm sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks die Spitze der Charts. Zwar hat es in meinen Augen weder die Qualität des Vorgängers „Honky Château" noch die des monumentalen Doppelalbums „Goodbye yellow brick road", das noch im selben Jahr erschien, aber es traf den richtigen Ton zur richtigen Zeit: Auf der einen Seite schnelle Songs wie eben „Crocodile Rock", dessen B-Seite „Elderberry Wine", „Midnight Creeper" und den Orchester-Kracher „Have mercy on the criminal", auf der anderen Balladen wie die zweite Single „Daniel" (UK Top 5 / US Top 2), das bittersüße „Blues for my baby and me" und das romantische „High Flying Bird". Trotzdem fehlt dem ganzen Album irgendwie das gewisse Etwas, das Johns größte Würfe ausmacht. Natürlich bekommt man auch hier alles, was man von seinen Mittsiebziger-Alben gewohnt ist: viel Klavier, mal sentimentale, mal fast unsinnige Texte, die gewohnt hochklassigen Background Vocals seiner Band und tolle Orchester- und Brass-Arrangements von Paul Buckmaster und dem Produzenten Gus Dudgeon. Aber vielleicht ist es gerade diese sterile Perfektion, die zu oft verhindert, dass auch der letzte Funke noch überspringt. Doch auch wenn dieses sechste Studioalbum des extravaganten Briten nicht ganz lupenrein ist, kann man beim Hören viel Spaß haben. Und „Crocodile Rock" hat für mich bis heute nichts an seiner Aktualität verloren, auch wenn ich erst Jahre nach seiner Veröffentlichung geboren werden sollte. Auf der Classic-Years-Ausgabe finden sich zusätzlich zu den 10 Songs der Originalausgabe noch 4 Bonustracks, von denen drei eigentlich gar nicht hier hingehören: „Screw you (Young Man's Blues)", „Jack Rabbit" und „Whenever you're ready (We'll go steady again)" waren allesamt B-Seiten der Singles aus dem Folgealbum „Goodbye yellow brick road". Zum gelben vom Ei gehören sie nicht. Lediglich der letzte Track, die „Piano Version" von „Skyline Pigeon", steht tatsächlich in Zusammenhang mit „Don't shoot me, I'm only the piano player": Der Song, der von Johns Debütalbum „Empty Sky" stammt, war die B-Seite zu „Daniel". Und auch wenn das Klavier besser hier herpasst, als das Cembalo im Original, gehört auch dieser Song nicht zu den besten des „Rocket Man". Vier Sterne für ein gutes, wenn auch nicht brillantes Album. Wer sich für Elton John und / oder die Musik der 70er interessiert, sollte es einfach haben ! ! !