Das Buch "Don't Panic!" gibt Einblicke in 32 Werbe-/Kreativ-/Design- Agenturen aus Deutschland. Darunter finden sich die Platzhirsche der Werbung wie Jung von Matt, Metadesign und Scholz&Friends genauso wie kleinere Büros (Moccu, Strichpunkt, Büro Uebele, Krieger des Lichts) und auch drei Mann Betriebe wie das Studio Florian Lambl, Zitromat oder das Kernteam der Novum. Dabei wird jede Agentur mit einem kurzen Profil samt vollformatigem Blick in die Arbeitsräume, Schwerpunkt (Grafik, Werbung Web und Motion), Mitarbeiterzahl, durschnittlicher Praktikantenvergütung und Visitenkarte vorgestellt. Dazu werden die Agenturen zu ihrem Umgang mit Praktikanten befragt und Praktikanten berichten von ihren Erfahrungen.
Der Untertitel des Buchs ist durchaus treffend, denn Profil, Interview und Berichte geben mehr als nur einen groben Einblick in die Philosophie, Arbeitsweise, Schwerpunkt und vor allem auch die Atmosphäre der Agenturen. Diest ist nicht nur für die Entscheidungsfindung bei der Wahl eines Praktikumsplatzes hilfreich sondern auch für die Zusammenstellung einer spezifischen Mappe.
Viel interessanter allerdings als der Aspekt angehenden Praktikanten bei der Wahl ihrer Traumagentur zu helfen ist der eigentliche Röntgenblick hinter die Kulissen im deutschen Kreativalltag. Ich bin zwar selbst Praktikant in einer Agentur, aber das präsentierte Arbeitspensum von 80% aller vorgestellten Betriebe liegt jenseits von Gut und Böse. Zehn bis Zwölf Stunden am Tag sind der Durschnitt. Dazu arbeitet der Praktikant meist voll mit und macht die Arbeit eines angestellten Grafikers oder bei genügend Engagement die eines Art Directors. Für 200-500¤ im Monat. Und während die AD und CD Maschinen nachts um zwei an Goldideen schrauben, hätte eine harmlose Frage des Interviewers sie bestimmt völlig überfordert: "Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit?".
Nach der Lektüre des Buchs hat sich meine Meinung über die Zweischneidigkeit eines Kreativberufs verstärkt. Dadurch, dass Designer und Kreative nicht von neun bis fünf irgendwelche Arbeit für irgendwen machen, sondern ihren Traum verwirklichen, ihren Expressionszwang ausleben oder das beinahe autistische Aufgehen im Selbstausdruck genießen, wird eine Trennung zwischen Arbeit und Privatem unmöglich. Dafür kann das Buch zwar nichts, aber der Kreis der bekannten und mir sympathischen Agenturen hat sich durch dieses Buch stark verringert.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir das Buch selbst neue Perspektiven in meinem bereits laufenden Praktikum eröffnet hat und ich mich durch die Berichte aus anderen Agenturen dort wohler fühle als vorher. "Don't Panic!" hilft auf jeden Fall bei der Wahl zwischen Selbstverbrennung bei Jung von Matt, Pappenkleben bei Metadesign, intellektuell gefordert werden bei Martin et Karczinski, Webentwicklung machen bei Scholz&Volkmer, das große Geschäft als kleines Rädchen kennelernen bei Ogilvy&Mather, Serviceplan oder DDB oder kreative Selbstfindung in kleinen Büros.
Interessant für alle die sich für das Kreativgeschäft interessieren und schon immer mal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollten. Wie an meiner inhaltlichen Kritik sichtbar wird, ist "Don't Panic" ein sehr gehaltvolles Buch, auch wenn in den Interviews immer dieselben Fragen gestellt und selben Antworten gegeben werden "Ja klar, der arbeitet sofort voll mit... Vor einer Präsentation kann es schonmal bis 22 Uhr gehen... natürlich kann man um 18 Uhr gehen, aber ob das so gut ist? ...".