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Abdulrazak Gurnahs Roman «Donnernde Stille»
Zunehmend schildern Intellektuelle ihre Emigration als kulturelle Bereicherung. Ein Gegenbild entwirft der 1948 in Sansibar geborene Abdulrazak Gurnah in seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman «Donnernde Stille» («Admiring Silence», 1996). Er ist das nunmehr fünfte literarische Werk des im englischen Kent lehrenden Literaturwissenschafters und erzählt von den Schwierigkeiten einer multikulturellen Existenz in den Zeiten der Globalisierung.
Eine weitverzweigte Handlung benötigt Gurnah für dieses Thema nicht. Ein Emigrant aus Sansibar lebt als Lehrer in einem Südlondoner Vorort, mit Emma, seiner englischen Freundin, und der gemeinsamen Tochter Amelia. Sein Arzt diagnostiziert ein «kaputtes Herz» Grund genug, über sein Leben nachzudenken. Zur gleichen Zeit findet in Sansibar eine politische Öffnung statt, die ihm nach zwanzig Jahren erstmals einen Besuch bei seiner Familie erlaubt. Der Aufenthalt gestaltet sich zunächst erfreulicher als erwartet, vor allem erfährt er die Geschichte seines nie gekannten Vaters. Zwei Ereignisse führen dann aber zum vielleicht endgültigen Bruch mit seiner Herkunft: Die Behörden versuchen, ihn mit einem zweifelhaften Projekt im Land zu behalten, und die Familie hat Vorbereitungen getroffen, ihn mit Safiya, einer jungen Einheimischen, zu verheiraten. Nach einigem Zögern beide Projekte versprechen ein einfacheres, wenn auch ebenfalls entfremdetes Leben lehnt der Erzähler ab und reist zurück in sein englisches Exil.
Die Erzählsituation der namenlose Ich-Erzähler, ein gelegentlich angesprochenes Gegenüber fokussiert den Roman auf seinen Protagonisten: eine äusserst differenziert gezeichnete Figur mit reicher Innenwelt, aber wenig kommunikativen Möglichkeiten das Produkt einer durch Migration bedingten kulturellen Entfremdung. Seine Identitätsschwäche beschreibt er einmal mit folgenden Worten: «Ich hatte manchmal das Gefühl, mein ganzes Leben sei eine Geschichte, und ich spielte meine Rolle bei Ereignissen, die sich nicht von mir beeinflussen liessen, die schon in einem Plan vorausbestimmt waren, den ich nicht eingehend genug studiert hatte, um ihn zu verstehen.»
Gurnahs Erzähler gehört zum Kreis jener Emigrantenfiguren, die insbesondere in der Literatur ehemals kolonisierter Länder häufig vorkommen. Etwa Mustafa Saîd in «Zeit der Nordwanderung» (1969), dem Meisterwerk des Sudanesen Tajjib Salich, dem «Donnernde Stille» vergleichbar ist. Gurnahs Erzähler gehört indes einer jüngeren Generation afrikanischer Emigranten an. Ihm fehlt die aggressive Auflehnung gegen den Kolonialismus; sein Streben ist nicht auf Rache ausgerichtet, sondern auf Akzeptanz, zumindest Duldung durch die Engländer. Anders als bei Salich bietet England dem Erzähler aus «Donnernde Stille» die Integration an; es versteht sich wie wenig dies auch den Realitäten entspricht (eine Entzivilisierung ist vielmehr in Gang) als multikulturelle Gesellschaft. Der Grund für das beschädigte Selbstbewusstsein des Erzählers liegt nicht zuletzt in der Geschichte des postkolonialen Afrika: Angesichts des allseitigen Niedergangs, den Gurnah in den Sansibar-Kapiteln in starken Bildern beschreibt, fehlt ihm das Gefühl des Stolzes und des Aufbruchs, aus dem heraus Salich seinen Roman schrieb.
Gurnah geht in seiner Auseinandersetzung mit den Erzählformen der Moderne nicht so weit wie Salich. Er arbeitet zwar mit Introspektion, aber nicht mit der Technik des Bewusstseinsstroms, auch nicht mit Perspektivewechseln. «Donnernde Stille» ist ein ruhiger Roman. Er besticht durch seine unprätentiöse, aber eindringliche Sprache und durch seine zahlreichen, in der afrikanischen Oralität verankerten Erzählungen, die mitunter verwirren besonders wo es um die weitverzweigten familiären Hintergründe des Ich-Erzählers geht. Was Emma darüber erfährt, unterscheidet sich deutlich von dem, was der Erzähler während seines Afrika-Aufenthalts berichtet. In England ging es ja nicht um die Wahrheit, sondern darum, die eurozentrischen Erwartungen Emmas zu bedienen. Ein anderer, erkenntnistheoretisch interpretierbarer Grund für diese Differenz liegt darin, dass die Realität alleweil verworrener ist als die aus der Erinnerung erzählten Geschichten.
«Donnernde Stille» zeichnet ein vielfältiges, mitunter auch humorvolles Bild der Kulturdifferenz und -begegnung. Gurnah lässt den Erzähler nicht nur seine Beziehung zur eigenen Familie auf Sansibar erzählen, sondern auch seine Einführung in das Haus der Schwiegereltern und deren Beziehung zu Emma. Dabei arbeitet Gurnah mit vielfältigen Spiegelungen: Die Geschichte etwa, wie der Protagonist Emma kennen lernt, findet ihren Reflex in der Präsentation Safiyas in dessen eigener Familie.
Dass Gurnah ein exzellenter Erzähler ist, zeigte schon das bereits auf Deutsch veröffentlichte Werk «Das verlorene Paradies» der jetzige Roman beweist es erneut. Das verdankt sich einerseits dem souveränen Umgang mit literarischen Techniken, anderseits insbesondere der Anteilnahme des Schriftstellers an seinen Figuren. Diese Empathie lässt Gurnah auch tiefer liegende Verstörungen einer Existenz zwischen den Kulturen erkennen.
Heinz Hug
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