"La Donna del Lago" zählt für mich zu einer der schönsten Rossini-Opern überhaupt, trotzdem konnten mich alle bisherigen Einspielungen immer nur bedingt überzeugen. Daher möchte ich diese Neueinspielung nutzen, einmal einen sehr subjektiven Vergleich zwischen den einzelnen Aufnahmen anzustellen.
Ein Hauptproblem ist eigentlich immer die die Besetzung der Haupttrolle (Elena) - diese kann in keiner der Einspielungen hundertprozentig überzeugen, was unter anderen damit zusammenhängt, dass sie die meiste Zeit in der sehr undankbaren Mittellage (Sopran / Mezzo) singen muss und darüber hinaus nur im Finalrondo wirklich brillieren kann.
1. Bellugi (1970 live in Turin):
Eine Pionierarbeit: Insbesondere die Leistung von Montserrat Caballe muss hier gelobt werden. Sie steht zum Zeitpunkt der Aufnahme im Zenit ihres Könnens und meistert die Tücken der Elena-Partie mit Bravour. Sie ist m.E. die beste Elena, zumindest bei den Sopranen. Überraschend ist auch die Leistung von Verdi-Tenor Bonisolli, der mit den vielen Koloraturen der Uberto-Partie wenig Mühe hat. Ein Totalausfall ist jedoch Julia Hamari als Malcolm. Sie kann die Tücken der Partie nicht ansatzweise bewältigen. Der Hörer ist geradezu erleichtert, dass ihr die zweite Arie ganz gestrichen wurde.
Die Klangqualität ist in Ordnung. Insgesamt eine empfehlenswerte Aufnahme.
2. Scimone (1981 Live in Houston)
Fantastische Einspielung dieser Oper mit einer hochkarätigen Besetzung. Größtes Manko ist die wirklich miserable Aufnahmequalität, die den Hörgenuss doch erheblich trübt. Marilyn Horne ist als Malcolm natürlich ein "Knaller". Auch Rockwell Blake als Uberto ist technisch, emotional und von der Lautstärke her fantastisch, wenn auch weniger klangschön als ein Florez (trotzdem aber besser ;-). Das Timbre von Frederica von Stade ist sehr gewöhnungsbedürftig, sie klingt manchmal ein wenig "besoffen". Trotzdem halte ich diese Aufnahme - auch wegen des günstigen Preises - für empfehlenswert.
3. Pollini (1988, übrigens die einzige Studio-Aufnahme)
Ricciarelli ist als Sopränchen mit einer mäßigen Technik (Brüche im Register, geschleifte Koloraturen) und einer ziemlichen Indisponiertheit zum Zeitpunkt der Aufnahme als Elena völlig inakzeptabel. Und das ist schade, denn der Rest der Besetzung ist gut bis sehr gut: Punkten können hier vor allem Ramey (in der kleinen Rolle des Douglas) und Valentini-Terrani als Malcolm. Die Tenöre sind ebenfalls technisch sehr gut, klingen mir persönlich aber etwas zu "steril".
Von dieser Aufnahme würde ich alles in allem abraten, zumal es auch noch einige ärgerliche Kürzungen zu beanstanden gibt - nur leider nicht bei Ricciarellis Arien.
4. Muti (1994)
June Andersen ist technisch besser als Ricciarelli - trotzdem halte ich die Besetzung der Elena mit einem Mezzo grundsätzlich für sinnvoller. Großer Schwachpunkt dieser Aufnahme ist vor allem Martine Dupuy - dem schwächsten aller Malcoms. Sensationell: Rockwell Blake als Giacomo. Auch Merritt ist koloratursicher, wenngleich nicht immer klangschön. Muti dirigiert mir allerdings ein wenig zu uninspiriert. Die Klangqualität dieses Mitschnittes ist in Ordnung.
5. Benini (Edinburgh, 2006)
Die "La Donna" von Opera Rara ist zwar die einzig editorisch vollständige Aufnahme (daher auch 3 CDs) - aber die Ergänzungen sind eigentlich alle mehr oder weniger entbehrlich. Klangtechnisch ist sie von allen Aufnahmen zwar die beste, aber Carmen Giannattasio kann als Elena wahrlich nicht überzeugen: Mit einer wenig klangschönen Stimme, einer nicht immer ganz korrekten Technik und einigen vokalen Unsauberkeiten kommt ihr die Live-Einspielung nicht entgegen. Auch Patricia Bardon als Malcolm kann im Vergleich mit der starken Konkurrenz in dieser Rolle nicht mithalten. Sie klingt einfach zu dünn und teilweise zu gehetzt. Erstaunlich: Kenneth Tarver als Giacomo, der eine unglaublich gute Technik hat und die höllisch schweren Koloraturen seiner Rolle souverän bewältigt. Gregory Kunde kann zwar noch mit einer stupenden Höhe beeindrucken, allerdings klingt seine Stimme in der Mittellage doch schon ziemlich "verbraucht" und die Koloraturen werden bisweilen sehr geschleift.
Aufgrund der genannten Defizite und des wirklich sehr hohen Preises würde ich deshalb vom Kauf dieser Aufnahme abraten.
6. Zedda (Wildbad, 2006)
Eine wirkliche Überraschung ist die vorliegende Live-Aufnahme aus Bad Wildbad von den Rossini-Festspielen. Bisher konnte Naxos nur mit dem Barbier (und vielleicht noch mit dem Tancredi) einen ähnlichen Coup landen. Die Aufnahme ist von allen Einspielungen auf jeden Fall vom Dirigat her - Altmeister Zedda ist am Pult - die akzentuierteste. Vor allem Sonia Ganassi kann - trotz einiger Startschwierigkeiten - als Elena überzeugen. Sie singt das schwere Finalrondo "Tanti affetti" nach Caballe am besten. Noch herausragender (man möchte fast sagen umwerfend) ist Marianna Pizzolato als Malcom: wunderschöne Stimme, makellose Technik und tolle Höhen und Tiefen. Vielleicht sogar der beste aller Malcolms. Nicht ganz so überzeugend sind die Tenöre, jedenfalls in Anbetracht der extrem starken Konkurrenz - insbesondere Ferdinand von Bothmer klingt mir persönlich ein wenig dünn.
Ich würde diese - zudem noch sehr preiswerte - Naxos-Einspielung allen obigen aber dennoch insgesamt den Vorzug geben.
Fazit: Die Oper ist so schön, dass man getrost mehrere Einspielungen besitzen sollte. Folgende Kaufreihenfolge würde ich empfehlen: 6, 1, 2 - und dann den "Rest".