Edita Gruberova ist ein Stimmphänomen: Die Sängerin steht seit über 40 Jahren auf den Bühnen der Welt, war zum Zeitpunkt dieses Mitschnitts fast 63 Jahre alt. Und doch konnte man bisher praktisch keine wesentliche Änderung der Stimme feststellen - das Flöten-Timbre blieb immer erhalten, die Stimme intonationssicher und fokussiert, scheinbar alterslos. Ihre große Marotte, die von unten angesungenen Töne ("scooping") hat sie in den letzten Jahren sogar reduziert.
In diesem Mitschnitt von Gruberovas Bühnendebüt als Lucrezia Borgia (die Rolle hatte sie bisher nur konzertant gesungen) in München ist erstmals eine deutliche Veränderung zu hören: Die Stimme ist dünner, zarter geworden. Vor allem aber hat sie hörbare Probleme mit sehr hohen Zielnoten, die sie nur mit Mühe und nicht immer ganz erreicht. In der Finalarie gehen ihr dann schlicht die Pferde durch: Die tiefen Passagen werden mehr gesprochen oder sogar gerülpst als gesungen, und der Schlusston ist ein gellender Schrei. Dieser gemischte Eindruck mag auf eine Indisposition zurück zu führen sein. Hoffen wir es. Das Vergnügen an diesem Mitschnitt wird dadurch allerdings etwas relativiert. Als Interpretin ist sie aber immer noch ganz groß.
Die übrigen Protagonisten dieser Aufführung der Münchener Oper sind erstklassig und in Topform:
Der junge slovakische Tenor Pavol Breslik ist nicht nur optisch ein überzeugender jugendlicher Held. Mit seinen weichen, flexible Stimme mit dem metallischen Kern ist für die Rolle des heimlichen Sohnes der Borgia, Gennaro eine Idealbesetzung. Ähnliches gilt für Franco Vassallo als Don Alfonso d'Este. Der Sänger bringt sowohl optisch als auch musikalisch die nötige Präsenz mit, um den aus Eifersucht mordlüsternen Ehemann der Borgia glaubhaft darzustellen. Alice Coote schließlich singt die Hosenrolle des Maffio Orsini, des besten Freundes des Gennaro, darstellerisch intensiv und musikalisch gut. Leider verzichtet sie auf Variationen in der zweiten Strophe des berühmten Trinklieds - ein kleiner Wermutstropfen. Auch alle Nebenrollen sind sehr gut besetzt.
Bertrand de Billy leitet das Orchester der Bayerischen Staatsoper einfühlsam und temperamentvoll.
Regisseur Christof Loy musste sich in München für seine Inszenierung einige Buhrufe anhören - zu Unrecht, wie ich finde: Lucrezia Borgia ist nicht einfach spannend auf die Bühne zu bringen, weil das ganze Stück bei Nacht spielt und eigentlich eine ziemlich abenteuerliche Räuberpistole ist. Loy arbeitet beim Bühnenbild mit einfachen Mitteln - einer grauen Wand mit dem Namen "Lucrezia Borgia" in großen Lettern, die während des Stückes langsam nach links weggeschoben wird, bis nur noch "Orgia" zu lesen ist, sowie einigen für die Handlung nötigen Möbeln. Das erlaubt Loy, den Fokus ganz auf die Personen zu setzen, und davon macht er ausführlich Gebrauch und konzentriert alles auf die Psyche der Personen, insbesondere der Titelheldin, die als einzige auch Farbe zeigen darf. Eine spannende Inszenierung.
Wäre Gruberova besser in Form gewesen, würde ich sagen eine der Opern-DVDs des Jahres. Auch so aber ist sie sehr hörens- und sehenswert.