Das Besondere an diesem Mitschnitt aus dem Jahre 2005 ist, dass das "Operntraumpaar" des beginnenden 21. Jahrhunderts in einer ganz normalen Repertoirevorstellung von Donizettis "Liebestrank" an der Wiener Staatsoper zu erleben ist. Das heißt: keine medial gehypte Neuinszenierung mit dem Versuch neuer Sichtweisen, sondern italienische Spieloper pur in der Inszenierung Otto Schenks in Bildern von Jürgen Rose aus dem Jahr 1980.
Der komödiantisch-naturalistische Zugang Schenks zum "Liebestrank" ist einer neuen Regiegeneration möglicherweise suspekt, bietet aber in diesem Fall ein optimales Vehikel, das den Künstler(inne)n ausreichend Möglichkeiten und Raum zur Entfaltung bietet. Und den nutzen sie - (nach ein paar Stellproben) mit hinreißendem Improvisationstalent.
Star des Abends ist unzweifelhaft Rolando Villazón, der nicht nur betörend singt, sondern auch ein veritables komisches Talent hat, das man in seinen vielen tragischen Rollen ja nie zu Gesicht bekommt. Treuherzig, clownesk und schmachtend - Villazón zeigt uns, wie viele Facetten in diesem Nemorino stecken können. Seine kongeniale Partnerin ist Anna Netrebko mit geschmeidiger und unangestrengter Gesangslinie. Darstellerisch kehrt sie sympathisch die Kokette heraus, die lockere Routine ihrer männlichen Partner fehlt ihr aber (noch).
Die haben dafür Leo Nucci (als gockelhafter Belcore mit nicht mehr ganz volltönender Stimme) und Ildebrando D'Arcangelo (als schlitzohriger Dulcamara).
Diese DVD könnte durchaus eine Einstiegsdroge sein, denn hier findet man alles: gute Laune und Witz bis hin zum Slapstick, Sentiment, mitreißende Musik - und siehe: die alte Tante Oper gibt ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Solange es solche Abende gibt, braucht uns um ihre Zukunft nicht bange sein.