Molotov ist Musik aus den Tiefen der Magenkuhle - ihr Debütalbum ist ein geifernder, galletriefender Hassklumpen, ein Faustschlag gegen den verfaulten Zustand der mexikanischen Gesellschaft, der in der Geschichte politischen Protestmusik viel zu wenig gewürdigt wurde. Schon der 1. Song gibt die Linie vor, die diese Band bis heute mehr oder wenige unverwechselhaft gemacht hat - toppagressive, schmetternde Gitarrenriffs, die nahtlos in flotte Mittwipp-Refrains übergehen, Sprechgesangeinlagen und nicht zuletzt eine erfrischende Tendenz, angesichts von gesellschaftlichen Missständen kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Man möchte dieses Album jedem BaFöG-alimentierten Sozialrevoluzzer mit 28. Semestern Theaterpädagogik um die Ohren hauen, der sich in einem "deutschen Polizeistaat" wähnt, nur weil er nach 22 Uhr sein GreenDay-Album leiser drehen muss - Molotov gewähren einen ungeschönten Einblick, was es heisst, in einem Land zu leben, in dem nichts und niemandem - weder den Parteien, noch der Presse und schon gar nicht der Polizei - vertraut werden kann. Statt psychopathischem Keifgesang der Marke Slipknot (der natürlich auch seinen Reiz hat - nichts für ungut), erstattet eine handvoll wütender Mexikaner mit mehrstimmigen Brüllrefrains Anklage gegen unbekannt - Antworten und Lösungen findet man hier nicht, dafür aber jede Menge unbequeme Fragen.
In der zweiten Hälfte tritt die Agressivität für meine Begriffe ein wenig zu sehr in den Vordergrund, was letztendlich auf Kosten der Melodien und des Wiedererkennungswert der einzelnen Stücke geht (die späteren Alben bieten deutlich mehr Abwechslung) - daher ein Stern Abzug für ein im ganzen mehr als originelles, energiestrotzendes Album, das auch nach mittlerweile 15 Jahren seiner Erstveröffentlichung ehrlicher und ungekünstelter wirkt, als eine Wagenladung Pop-Punk-Bands aus westeuropäischen Wohlstandsfamilien.
Ein Sicherheitshinweis: Dank der erhöhten Dichte an Schimpfworten empfiehlt es sich, beim Besuch eines spanischsprachigen Landes auf das Mitsingen im Auto zu verzichten - eine Konfrontation könnte böse Folgen haben.