Neue Zürcher Zeitung
Ein europäischer Geschichtsstrom
Inge Moraths Donau-Bildband
Im «Lauf der Wasser» sah Goethe «Leitfäden», an denen man sich am sichersten «aus geologischem und politischem Ländergewirre» winde. Ein solches Wahrnehmen, wie es auch in Hölderlins grossen Stromgesängen noch zum Ausdruck kommt, haben wir verlernt: die Flüsse dienen vielfach nur mehr als Wasserstrassen und Kloaken.
Den geschichtsträchtigsten und nach der Wolga auch längsten «Leitfaden» Europas bildet unzweifelhaft die Donau. Ihn hat die aus Graz gebürtige Photographin Inge Morath seit 1958 auf mehreren Reisen mit ihrer Kamera erforscht, von den umstrittenen Quellen bis zu den unbestimmbaren Mündungen. Der vorliegende Band ist ein Versuch, in über 120 meist schwarzweissen, von der Photographin kommentierten Aufnahmen die Vielfalt der von der Donau durchflossenen Land-, Völkerschaften und Zeiten einzufangen. Die Kamera schweift dabei oft in die Städte und Dörfer ab, die den Stromlauf begleiten, zu den Menschen, Denkmälern und Ruinen was das Buch freilich etwas unschlüssig zwischen Reisebildband, Dokumentation, Impressionen und Porträts herumirren lässt, bevor es jeweils wieder zum Strom zurückfindet. Eine strengere Auswahl hätte allzu Gefälliges und oft auch Beliebiges vermeiden helfen und zudem die Vielfalt entschiedener hervortreten lassen.
Die Einführung von Karl-Markus Gauss aber ist ein Meisterstück der Essayistik; auf knappstem Raum vermag er es, Mythos, Geschichte und Realität der Donau (und damit des Balkans und weitgehend auch Europas) zu veranschaulichen, dieses Stroms, der allem Nationalstaatentum widerspricht, selbst wenn er nicht mehr wie einst Abendland und Morgenland verbindet, sondern, mittlerweile nicht weniger als zehn Staaten durchfliessend, immer mehr zu einem Grenzfluss auch zwischen einem «Europa der Armut» und einem «Europa des Wohlstands» geworden ist.
Taja Gut
Pressestimmen
"Die Einführung von Karl-Markus Gauss ist ein Meisterstück der Essayistik; auf knappstem Raum vermag er es, Mythos, Geschichte und Realität der Donau zu veranschaulichen, dieses Stroms, der allem Nationalstaatentum widerspricht, selbst wenn er nicht mehr wie einst Abendland und Morgenland verbindet." (Taja Gut, Neue Zürcher Zeitung)