In diesem Buch reist der italienische Germanist Claudio Magris nicht nur der Donau entlang, und damit durchs Herz Mitteleuropas: Zur geographischen Reise kommt eine Reise in die Vergangenheit nicht nur der Habsburgermonachie mit ihrer legendären Kultur- und Völkervielfalt.
Freilich, wer hier einen Reisebericht im herkömmlichen Sinne erwartet, könnte im ersten Moment enttäuscht sein, doch dürfte diese "Biographie eines Flusses" (so der Untertitel) auch diese Leser bald in ihren Bann ziehen.
Magris' Reise durch Raum und Zeit, von der Suche nach der "wahren" Donauquelle bis in die Weiten des Mündungsdeltas am Schwarzen Meer, folgt dem Flusslauf wie einem Roten Faden, auf dem Fixpunkte wie z.B. Ulm, Regensburg, Passau, Wien, Bratislava, Budapest, Mohács, Novi Sad, Belgrad, Galatz (um nur einige der bekannteren zu nennen) wie Perlen aufgereiht sind. Magris ist ganz offenbar nicht nur ein glänzender Stilist, sondern verfügt auch über ein unglaubliches Detailwissen, das niemals mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Die Schilderungen bekannter, weniger bekannter und völlig unbekannter Orte und Menschen gehen Hand in Hand mit literatur- und kulturhistorischen Reflexionen, aber auch mit Anekdoten, Impressionen, mit Berichten und Kommentaren zu Vergangenheit und Gegenwart Mitteleuropas - oder besser: mit Berichten und Kommentaren zu den verschiedenen Vergangenheiten und Gegenwarten Mitteleuropas, denn dieses Buch eröffnet einem ganz neue Einblicke in die faszinierend vielschichtige Struktur dieses Kulturraumes.
Dass Magris diese Reise Ende der 1980er Jahre unternommen hatte, also durch ein Europa gereist war, das für heutige Leser schon wieder tief in der Vergangenheit liegt, macht die Lektüre noch reizvoller, als sie es beim ersten Erscheinen 1988 gewesen war, reist man doch nun gewissermaßen in eine doppelte Vergangenheit und gerät, angeregt durch Magris' kluge "Geschichten", selber ins Reflektieren und Träumen.
Kurz: Dieses Buch ist genau das Richtige für alle, die hinter die Fassade der Dinge, der Städte, Landschaften und Menschen blicken wollen, und die sich ihren Blick fürs nur scheinbar unwichtige Detail bewahrt haben.