Annie wird es nicht leicht gemacht:
Die Platte verschiebt sich um Jahre, dann kommen etliche, fast erfolglose Singles ("I know ur girlfriend hates me", "Anthonio", "Two of hearts" etc) und immer wieder wird das neue Album neu und neu angekündigt, jedoch ohne Veröffentlichung. Schlußendlich sogar der Bruch mit dem alten Label.
Und als die schlimmstmögliche Wendung fast schon eingetreten war: neues Label, neues Glück, weitere Songs und ein verdammt chices Cover.
Die kühle Blonde aus Norwegen, die Jahre zuvor mit "Chewing Gum" die Kritiker von hier nach da in Extase versetzt hat, kann nun endlich aufatmen: ihr Frischling (folgerichtig mit "Don't stop" betitelt) darf nun endlich die Wohnzimmer, Discoböden und Bars global beschallen. Und was Annie auf dem neuen Album macht ist schlichtweg "amazing".
80er Synthieflitter allerorts, Elektropilze schießen aus dem Boden und verzaubern wie der bittersüße Gedanke an ein Gebrüder Grimm Märchen. Der Opener "Hey Annie" ist ein trillerpfeifender Knaller, mit dem sich Annie - wieder mal - selbst stilisiert und preist und den Bogen perfekt zwischen ihrem Debut und dem neuen Album spannen und sogar durch musikalische Kanten überzeugen kann. Bogen zurückgezogen und gezielt: direkt in die Ohrmuscheln. Diese Kanten und Ecken sind aber keine Einzelfälle. So finden sich musikalische Raffinessen auch in "Don't Stop", "Breakfast song" und dem wohl alle Songs überragenden "Take you home", der musikalisch tatsächlich exakt zwischen Client und Ladytron liegt. Eine wirkliche Entwicklung.
Wiedererkennen wird man Annie aber eher an den unbekümmerten 80er Songs und den eingängigen Refrainloops ("Loco", "Heaven and hell" und "I don't like your band"). Aber umso mehr lieben muss man sie, wenn dieser Wiedererkennungseffekt nicht nur darauf abzielt, musikalische Erwartungen zu erfüllen, sondern darüber hinausgeht und ungemein charmant und frisch klingt. Beste Beispiele sind "My love is better", "Sweet" (das es nur auf der Special Edition gibt) und "Song reminds me of you". Klasse Nummern und keine Konservenmucke. Annies düstere Ballade "Marie Cherie" ist zwar ungemein kitschig, aber selbst das wird verziehen, da ein 80er Album ohne ebensolche nicht auskommen darf. Annies "Don't Stop" ist eine ehrliche Kaufempfehlung für all jene, die ebenso La Roux, Ladyhawke oder Paula mögen.