Mir erscheint es nicht sonderlich originell, den Don Quijote auf einer Seite wie dieser ganz allgemein als Meisterwerk der Weltliteratur zu preisen. Wer dies über die Göttliche Komödie, die Suche nach der verlorenen Zeit oder den Mann ohne Eigenschaften sagt, bewegt sich wohl immer im sicheren Trend.
Mir persönlich hat es Don Quijote schwer gemacht, weil ich die Größe dieses Werkes schlicht lange Zeit nicht nachvollziehen konnte. Der Roman ist vorsichtig formuliert extrem handlungsarm, weniger vorsichtig formuliert: überaus repetitiv. Quijote und Sancho erleben in unterschiedlichen Episoden, wie Fantasie und Realität aufeinanderprallen, bis Quijote am Ende stirbt. Im Jubliäumsjahr hatte ich mir eine schöne Ausgabe der Tieck-Übersetzung gekauft
Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha. 2 Bd: 2 Bde. und war irgendwo im zweiten Band nicht mehr interessiert. Die Lektüre der Vorlesungen von Nabokov zu Don Quijote
Lectures on Don Quixote war das ehrlichste, was ich zu diesem Werk finden konnte: Der Brachialhumor von Cervantes in allen Gast-, Hurenhaus- und Wegelagerszenen ist als solcher aus heutiger Zeit wirklich nicht mehr witzig, obwohl Nabokov wiederum das Interesse an anderen Aspekten des Werkes steigern. Mein Urteil damals lautete: Das schöne Thema, die Brechung der Wirklichkeit an der eigenen fantasievollen Vision des Helden hätte auch auf gut einem Zehntel des Romanes erzählt werden können. Der dritte Versuch setzte daher bei
El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha: Selección an, dem schön gestalteten Digest mit Vokabelhilfen; aber: Mein Spanisch reichte nicht aus, den Sprachwitz des Originals nachvollziehen zu können.
Längst hatte ich also das Kapitel Don Quixote irgendwie als Phantom, geboren auf spanischem Nationalstolz, aufgegeben, bis eine FAZ-Rezension zu dieser Übersetzung noch einmal das Interesse aufflammen ließt. Und zum ersten Mal verstand auch ich: Der Übersetzerin gelingt es wunderbar, den sanften Schleier der Ironie und des subtilen Sprachstils über die zahlreichen z.T. grotesken bzw. burlesken Episoden so zu spannen, dass in allen Szenen über Schabernack und Albernheiten hinaus ein Bild vom Menschen gezeichnet wird, das auch den kritischen Leser interessiert. Nach der Lektüre würde ich selbst den überall gehandelten Mythos von der Verwandlung des Romans von einer simplen Parodie auf die Ritterromane hin zum Epos über die Stellung des Menschen zu seiner Welt in Abrede stellen: Denn bereits der Anfang wirkt im hier wiedergegebenen feinsinnig ironischen Stil ambitionierter als eine Parodie und auch im zweiten Teil bleibt trotz der wunderschönen Übersetzung soviel Albernes und Burleskes, dass das Werk sich zwar entwickelt, aber aus einem heiteren Guss bleibt.
Sei's drum: Ich schreibe diese Zeilen all jenen Zweiflern, die sich wie ich gelegentlich über gefahrlose Preislieder zum Don Quijote ärgern, bei denen man oft daran zweifeln muss, ob ihre Autoren wirklich über Seite 100 hinausgekommen sind. Versuchen Sie es vielleicht hier noch einmal: Es lohnt sich!