Nikolaus Harnoncourts Aufnahmen der "großen" Mozartopern haben viele unserer Hörgewohnheiten auf eine harte Probe gestellt (
Le Nozze de Figaro), teilweise auch nachhaltig verändert (
Cosi Fan Tutte als Tragikomödie). Der Don Giovanni ist im Vergleich dazu fast konventionell - aber damit nicht weniger hörenswert:
Harnoncourt verwendet - erstaunlicherweise - die übliche Mischfassung aus Prager und Wiener Fassung mit beiden Ottavio-Arien und der Elvira-Arie "Mi tradì quell'alma ingrata." Dadurch muss man auf keine der gewohnten Arien verzichten. Der Pionier der historischen Aufführungspraxis war auch nie ein Verfechter der extrem schnellen Tempi, im Gegenteil: In Auffassung und Tempi ist er näher bei
Otto Klemperer als bei
John Eliot Gardiner. Auch Harnoncourt legt mehr wert auf die tragische Komponente der Oper, auf die selische Verfassung der Protagonisten, als auf die teils drastische Komik. Auf diese Weise gelingt ihm eine faszinierende Aufnahme.
Der vielleicht größte Trumpf ist das Orchester: Im Gegensatz zu seinen früheren Mozart-Aufnahmen nutzt er kein Originalklangorchester, sondern das Concertgebouw Orkest Amsterdam. Was dieses Orchester an Ausdrucksbandbreite und Flexibilität aufbringt, ist schlicht sensationell - von der düsteren Feierlichkeit der Ouverture über den Charme der Verführungsszenen bis zur Komik der Registerarie.
Die Sänger entsprechen ebenfalls liebgewonnenen Hörgewohnheiten: Der Giovanni von Thomas Hampson ist ein hoher Bariton mit einschmeichelnder Stimme, eleganter Phrasierung und etwas glatter Ausstrahlung. Mit den Kraftausbrüchen der Champagnerarie hat er etwas Probleme. Als Leporello bietet der ungarische Bass Laszlo Polgar eine seiner musikalisch besten Leistungen. Eine größere Ähnlichkeit der Stimmen von Herr und Diener wäre wünschenswert gewesen, um den Rollentausch glaubhafter zu machen.
Roberta Alexanders Elvira erinnert an Christa Ludwig - warmherzig, verletzlich, menschlich und mit sehr schöner, dunkel timbrierter Stimme. Edita Gruberovas Anna dagegen ist eine kühle, unnahbare Gestalt - ähnlich etwa
Suzanne Danco. Ihr scooping (von unten angeschliffene Töne) stört mich hier mehr als in ihren Belcanto-Partien. Beeindruckend, aber nicht wirklich sympathisch. Zu ihr passt allerdings sehr gut der Don Ottavio, den Hans-Peter Blochwitz sehr überzeugend als hilflosen Schwächling gibt.
Barbara Bonney ist eine frische, selbstbewusste Zerlina, Anton Scharinger ein wirklich einmal herausragender Masetto und Robert Holl ein düsterer Komtur.
Insgesamt also haben wir hier - nicht nur zu dem Preis - eine sehr hörenswerte, spannende, aber auch etwas konventionell besetzte Aufnahme.