Ich las Schillers "Don Carlos" und konnte gar nicht genug davon kriegen. Ich habe der Reihe nach alle Dramen von Schiller durchgelesen, doch keines hat mich so sehr gerührt und fasziniert wie "Don Carlos". Es wird ja immer wieder von Schillers Pathos gesprochen, das angeblich alles verdirbt - das sehe ich ganz anders. Schiller vermag zu rühren wie kein anderer klassischer Autor. Man liest manche Sätze und möchte weinen vor Ergriffenheit (besonders was Carlos zum Marquis sagt, ist immer ganz herzzerreißend schön). Das zeigt, dass Schiller die menschliche Seele direkt anspricht, und die hat sich auch nach 200 Jahren nicht verändert. Gerade wegen dem steten Schwanken zwischen Politdrama und Familientragödie erscheint das Stück so menschlich und wahrhaftig. Auch das Leben orientiert sich nie nur an einem Handlungsstrang. Schiller zielt aufs Ganze - und trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze. In jedem der Charaktere kann man sich wiedererkennen (außer vielleicht in Domingo, der ist ganz und gar widerwärtig - aber auch so sind wir manchmal) und oft bleibt man auf eine wundersame Art im Dunkeln, wer genau dieser Mensch nun wirklich ist, insbesondere Marquis von Posa und Elisabeth, die man sehr unterschiedlich interpretieren kann, was von Schiller auch so beabsichtigt war, wie man es seinen Äußerungen über das Werk entnehmen kann. "Don Carlos" ist meiner Meinung nach allen zu empfehlen, nicht nur ausgemachten Literaturliebhabern, da die Handlung einfach zu verstehen und sehr spannend ist. Daneben findet man viele schöne Zitate, die sich schnell einprägen und unendlich bereichern.