Einmal mehr muss ich feststellen, dass Fans an ihre Idole offensichtlich ganz spezielle Erwartungen haben. Sei es in der Musik, wo manche Engstirnigen immer nur ein und dasselbe Album ihrer Lieblingsband hören wollen - oder sei es in der Literatur, wo die Fans von einem der größten Horror-Schriftsteller aller Zeiten immer nur Horror erwarten.
Und wehe, wenn die Band - oder hier eben der Schriftsteller - von seiner Linie abweicht...
Nee, Leute, das vorliegende Buch ist absolut erste Sahne und Stephen King beweist einmal mehr, dass er nicht nur ganz hervorragend Geschichten über unheimliche Clowns, untote Kater etc. erzählen kann, sondern auch exzellente Psychodramen, die gänzlich ohne übernatürliche Elemente auskommen (was er im Prinzip ja schon mit dem hervorragenden Roman "Sie" bzw. "Misery" gezeigt hat).
Klar, man muss sich ein bisschen an die Struktur des Buches gewöhnen, das keine Kapiteleinteilung enthält und praktisch aus einem einzigen Monolog besteht, aber das ist schnell geschehen und führt nur dazu, dass man das Buch ratzfatz durchliest.
Für mich war das jedenfalls kein Problem, denn es liest sich wie immer bei King flüssig und auf eine gewisse Weise spannend war es außerdem.
Glänzend wie immer baut er den Roman auf, charakterisiert behutsam, schafft es exzellent, Situationen und Gefühle zu beschreiben und zaubert erneut ein Finale aus dem Hut, das es in sich hat. Es ist schon geil, wie er dem Leser am Ende deutlich macht, in welcher Weise die beiden Frauen - Dolores Claiborne und Vera Donovan - Parallelen in ihrem Leben haben und was das "dunkle Geheimnis" der verbitterten, alten, reichen Witwe ist.
Und dann seine generellen Beschreibungen des Lebens in einer amerikanischen Kleinstadt - niemand vermag das so gut wie er, einfach fesselnd und authentisch.
Ist das wahrhaftige Leben nicht der schlimmste Horror? Jedenfalls, wenn es so abläuft wie bei Dolores Claiborne? Ein saufender, ewig meckernder Ehemann, der seine Frau verprügelt und seine eigene Tochter ins Bett kriegen will und dabei noch versucht, dem armen Mädchen durch Psychoterror einzubleuen, es wäre ihre Schuld, wenn jemand etwas davon erfährt? (Wirklich das Widerlichste, was es gibt, aber leider alltäglich). - Manchmal braucht es eben keine Metaphorik, um Horrorgeschichten zu erzählen...