Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Instrumentalmusik von Bohren & der Club of Gore ist von aufreizender, ja provokanter Langsamkeit. Wenn die vier Männer aus Mühlheim / Ruhr und Köln Instrumente wie den Bass, Fender Rhodes, Tenor- und Baritonsaxophon oder Vibraphon sehr tief gelegte Klänge entzaubern, die Keyboards Soundflächen legen, dann erfahren die Noten eine im Rock fast einzigartige Ausbremsung. Die Harmonien werden von Thorsten Benning, Christoph Clöser, Morten Gass und Robin Rodenberg dabei so gedehnt, dass sie verwischen und sich anscheinend auflösen und wohl erst nach einem Komprimierungsverfahren hörbar würden.
Dolores folgt dem Konzept der Vergangenheit mit einer bemerkenswerten Konsequenz. Auch wenn sich die Anzahl der Titel im Verhältnis zum brillanten Vorgänger
Geisterfaust exakt halbiert hat, so bedeutet das noch lange nicht, dass sich das Tempo verdoppelte. Das zwischen Komacore, bleiernem Metal und ambientischer Elektronik mit Jazzzitaten verortet Quartett schaffen es einmal mehr, aus der Ferne deprimierend, morbide oder depressiv wirkende Klänge in etwas Schönes, Entspannendes, ja Erhabendes zu verwandeln. Es bedarf nur Bereitschaft, in diese Soundwelt einzudringen und sich treiben zu lassen... --
Sven Niechziol
Kurzbeschreibung
BOHREN & DER CLUB OF GORE kann man wohl zweifelsohne als eine DER deutschen Kultbands bezeichnen. Die 1988 in Mülheim an der Ruhr gegründete Band konnte sich mit ihren bisher veröffentlichten Alben eine treue Fanschar erspielen und gehört mit ihrem Mix aus Doom Metal und Ambient Jazz zu einer der der einzigartigsten deutschen Bands.
Ihr neues Album, das auf den reizenden Namen "Dolores' getauft wurde, wird über PIAS veröffentlicht und dann im Oktober auch gleich live präsentiert. Bereits im August haben BOHREN & DER CLUB OF GORE beim Haldern Festival gespielt und im November spielen sie auf persönliche Einladung der Melvins auf dem All Tomorrow's Parties Festival in England.
Überraschung! Draußen brennt noch Licht! Das neue Album "Dolores" offenbart nun ein weiteres Mal eine neue Seite von BOHREN & DER CLUB OF GORE. Man hat bei der Arbeit an den Songs zu "Dolores" selbst eine andere, neue Seite entdeckt oder sie vielleicht erstmals zugelassen. Stücke wie "Karin" oder "Still am Tresen" bezeichnet Christoph Clöser als "Easy Listening-Schleicher". Erstmals wird man das Gefühl nicht los, es hier nicht nur aufgrund der Formate tatsächlich mit potentiellen Singles zu tun zu haben. Die Stücke auf "Dolores" sind für Bohren-Verhältnisse signifikant kürzer, allein "Schwarze Biene (Black Maja)" durchbricht die 8-Minuten-Grenze. Die Songstrukturen sind zudem klarer, die Melodien (Vibraphon) sind greifbarer. Reden wir also nicht lange darum herum: Mit einigen Stücken auf "Dolores" bewegen sich BOHREN & DER CLUB OF GORE für ihre Verhältnisse schon ganz entschieden in Richtung Pop. Ganz beiläufig entwickeln sich die Stücke, scheinen nah, zugänglich und bleiben doch noch immer geheimnisvoll. Die Orgel und eine gewisse Räumlichkeit der Produktion verleihen "Dolores" einen erhabenen, sakralen Touch, der allerdings der Idee der Entschleunigung auf immer schon innewohnte. Jetzt wird er nach außen gekehrt, unüberhörbar. So entschieden sich BOHREN & DER CLUB OF GORE sich mit einigen Stücken neu positionieren (und damit ihre Fans ein weiteres Mal überraschen!), so bleibt "Dolores" insgesamt in der Schwebe. Die bei Bohren stets wichtige Kontextualisierung der Klänge durch Tracktitel und Covergestaltung macht das sehr deutlich: In "Dolores" steckt "dolor" (Schmerz), aber Dolores heißen auch die heißblütigen und patenten Kellnerinnen in B-Western, die south of the border spielen.
Man wird beim Hören von "Dolores" den Eindruck nicht los, gleich würden die Rollläden hochzogen, die Fenster aufgerissen und herein strömten Sauerstoff und Tageslicht. Ganz beiläufig, ganz alltäglich, ganz frisch.
Diese Band tat immer nur so, als spielte sie Jazz. Zwar patschte der Besen auf den Teller, der Stehbass schnarrte, und ein Saxofon simulierte freies Solieren. Doch da war auch immer das bis nahe null abgebremste Tempo, höchst unüblich im virtuosenverliebten Jazz. Das Wichtigste aber: Die Band aus Mülheim an der Ruhr improvisierte nie. Ihre schaurigen Zeitlupenklänge für die verlassene Nachtbar am Rande der Stadt waren detailliert geplant - etwas Jazzferneres ist kaum denkbar. Das ist auch auf "Dolores" so, nur wurde das Instrumentarium erweitert. Nun schwillt auch eine Orgel drüben im Halbdämmer, Vibrafon und Vocoder sind zu hören, erst nach 22 Minuten schlurft das todmüde Saxofon herein, und das alles, so viel kann man sagen, mindert den Grusel nicht. Diese Musik wirkt bei aller äußeren Schön- und Versonnenheit autistisch; sie verkörpert brutale Teilnahmslosigkeit. Neben ihr könnte ein Killer jemand dahinmetzeln, kein Gefühl schliche sich ihr ins Herz. Das nämlich könnte nur passieren, wenn sie improvisiert wäre. Pseudojazz als Horrorscore, ja. (mw)