Jaja, auf BOHREN & DER CLUB OF GORE war schon immer Verlass. Schon seit ewigen Jahren steht das Mülheimer Jazz-Quartett für musikalisches Kopfkino auf allerhöchstem Niveau. Mit beeindruckenden Frühwerken wie "Gore motel" oder "Sunset mission" avancierten BOHREN zu den Pionieren eines Musik-Genres, das es eigentlich gar nicht gibt. Der Sound basierte auf äußerst schleppendem, atmosphärisch dichtem Bar-Jazz im Stile der Kult-Serie TWIN PEAKS und kam über die gesamte Spielzeit ohne Gesang aus. Der Doom-Jazz war geboren !!! Mit ihrem 2002 veröffentlichten Album "Black earth" gelang BOHREN dann ein wahrhaftes Meisterwerk der musikalischen Klangkunst, dass selbst bis heute keinen Deut seiner unheilvollen und schauderhaft schönen Grusel-Atmosphäre eingebüßt hat. Tieftraurige und pechschwarze Nummern wie "The art of coffins" , "Destroying angels", "Constant fear" oder "Maximum black" (geht's eigentlich noch deutlicher?) rangierten allesamt auf Soundtrack-Niveau und bescherten jedem Hörer angespannte, von Alpträumen jäh unterbrochene Kopfhörer-Nächte. Der Nachfolger "Geisterfaust" war hingegen viel sperriger, unnahbarer und hievte die musikalische Monotonie des BOHREN-Sounds auf ein neues Level. Die Instrumente (z.B. das Saxophon) wurden minimalistischer eingesetzt, die Songs wurden dafür langatmiger und überstiegen nicht selten die 20-Minuten-Marke. Selbst als bekennender BOHREN-Fan benötigte man schon Nerven wie Drahtseile, um von dieser unnachgiebig nach unten driftenden Gefühlsspirale nicht komplett mitgerissen zu werden. Zu "Geisterfaust" konnte es unmöglich eine Steigerung geben. Das war sicher, wie das Amen in der Kirche...
Auf ihrem neuen Album "Dolores" hat die Band ihren Sound daher wiederum etwas "zurückgenommen" und vermehrt an atmosphärischen Kleinst-Details gearbeitet. Dabei sind BOHREN & DER CLUB OF GORE ihrer musikalischen Marschrichtung jedoch beinahe komplett treu geblieben. Wie bereits seine Vorgänger, so ist auch "Dolores" sicherlich nichts für Leute mit schwachem Nervenkostüm...und speziell allen suizidgefährdeten Personen "da draußen" sei von dieser Scheibe deutlich (!) abgeraten. Denn neue Songs wie "Schwarze Biene" , "Still am Tresen" oder der sensationelle Album-Opener "Staub" bieten wieder absolut grandiosen Doom-Jazz in Vollendung, der jeden Hörer auf eine rund 60minütige Traumreise schickt. Hierbei ist der Begriff "träumen" jedoch nicht mehr ausschließlich negativ behaftet. Im Gegenteil, denn einige der neuen BOHREN-Songs ("Karin" , "Unkerich" oder "Faul") wurden vergleichsweise luftig arrangiert und versprühen daher beinahe schon positive Vibes. Es sind diese wunderbar feinfühligen Melodien, die den Hörer phasenweise glauben lassen, ein Licht am Ende des Tunnels erkennen zu können. Etwas aus dem er Kraft schöpfen kann. In diesen Momenten kann die Band ihr durchweg Moll-lastiges Korsett kurzzeitig abstreifen und bewegt sich beinahe schon in musikalischen Sphären, in der sich Klangkünstler wie z.B. SIGUR RÓS ansonsten tummeln. Insofern ist "Dolores" sicherlich das zugänglichste Album der Band-Historie, ohne dabei auch nur ansatzweise am Mainstream zu kratzen.
Alles in allem bietet dieser intensive 10-Tracker eigentlich genau das, was man von dieser etwas sonderbaren Combo erwarten konnte. Ein kleines aber feines Meisterwerk, das definitiv nicht für schmalbrüstige Einmalhörer geeignet ist, und welches vor allem unterm Kopfhörer seinen gesamten Charme voll ausspielen kann. Alle Fans haben "Dolores" eh schon im Schrank stehen...allen anderen rate ich, sich unbedingt mal mit dieser Scheibe zu beschäftigen. Entdeckt diese meditative Finsternis, mit jeder Faser deines Körpers spürbar. Furcht erregend und betörend zu gleich. Selten war Tagträumen sooo schön !!!