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5.0 von 5 Sternen
Rezension von Werner Abel, Chemnitz, 23. Februar 2005
Von Ein Kunde
"Im Jahre 1947 sah sich der Oberst a. D. und vormalige Abteilungschef der Infanterieabteilung im Oberkommando des Heeres Wolfgang Müller gezwungen, mit einer in zwei Auflagen erschienen Broschüre vor dem Entstehen einer neuen „Dolchstoßlüge" zu warnen. Müller, der den Männern des 20. Juli nahe stand und deshalb selbst Verfolgungen ausgesetzt war, musste feststellen, dass restaurative Kräfte selbst den bescheidenen deutschen Widerstand als hinterlistigen Angriff auf die heldenhaft kämpfenden deutschen Truppen interpretierten. Die Sorgen Müllers sollten wenige Jahre später einen durchaus realen Hintergrund bekommen: In der Begründung des Verbots der neonazistischen „Sozialistischen Reichspartei" vom 23. 10. 1952 machte das Bundesverfassungsgericht unter anderem darauf aufmerksam, dass die „Dolchstoß"-Legende zum propagandistischen Kernbestand dieser Partei gehörte und dass damit alle diejenigen, die sich gegen Hitler gewandt hatten, als Erfüllungsgehilfen antideutscher ausländischer Interessen denunziert wurden. Die Stigmatisierung des Widerstands als Verrat zeigte über Jahre hinweg seine Wirkung und es war nicht ohne Probleme möglich, dass sich die Bundesrepublik nach und nach offiziell zur Tradition des Widerstands bekannte. Allerdings konnte der Vorwurf, der „Dolchstoß der Heimat" hätte das im Felde unbesiegbare Heer dem Feinde ausgeliefert, nicht jene Dimension annehmen, die Rainer Sammet in seiner Dissertation eindrucksvoll und detailliert beschreibt und die Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff in ihrem Buch „Deutsche Legenden. Vom Dolchstoß und anderen Mythen der Geschichte" als die wohl wirkungsmächtigste Geschichtslegende des 20. Jahrhunderts charakterisieren. Der Unterschied zwischen den beiden Kriegsenden 1918 und 1945 war auch zu groß, als dass die alte Legende weiterexistieren oder wieder aufleben konnte. Der 2. Weltkrieg endete auf deutschem Boden, nachdem buchstäblich bis zum letzten Tag gekämpft wurde. Es kam zu keiner Neuauflage des Versailler Vertrages, im Gegenteil, die westlichen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition zeigten sich bald an einem prosperierenden Westdeutschland interessiert. Die rasche Einbeziehung der Bundesrepublik in die Wirtschafts- und Verteidigungsbündnisse der westlichen Demokratien verhinderten, dass verschwörungstheoretische Ansätze, die in gewissen Milieus immer wieder entstanden, an Breitenwirkung in der Öffentlichkeit und Einfluss auf die deutsche Politik gewannen. Ganz anders also nach dem I. Weltkrieg und in der Weimarer Republik. Sammet zeichnet nach, dass die Vorstellung, die Heimat sei der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen, schon in der Wahrnehmung und Darstellung der sich abzeichnenden drohenden Niederlage Deutschlands im letzten Kriegsjahr ihre Wurzeln hatte und die historische Forschung hat bestätigt, dass der viel beschworene „Geist von 1914" nicht nur einer Kriegsmüdigkeit gewichen, sondern das auch der „Siegfrieden" Deutschlands durch eklatante Fehler der Obersten Heeresleitung nicht mehr zu erreichen war. Aber nationalistische Borniertheit und der Zwang, von dem eigenen Versagen abzulenken, zwang zur Suche nach den Sündenböcken. Es war aber nicht wie in dem in Deutschland zum Heldenmythos hoch stilisierten Nibelungenlied ein Hagen, der den deutschen Siegfried (man beachte die Analogie zum Wort „Siegfrieden") ermordete, sondern es waren viele. Das Spektrum des Vorwurfs erfasste alles, was potentiell in den Verdacht kommen konnte, nicht genügend die deutschen Interessen zu vertreten: Die politische Linke ohnehin, Republikaner, Juden und Katholiken. Es ist heute, vor allem für den Nichthistoriker, vielleicht nicht mehr nachvollziehbar, wie aufgeregt und immer wieder aufgeheizt die Debatte über die deutsche Niederlage in der Öffentlichkeit verlief. Deshalb ist es einer der unbestreitbaren Vorteile des Buches, die wichtigsten Aussagen dazu, die wichtigsten Stimmen zusammengetragen und diese nach den jeweiligen politischen Milieus differenziert aufzuführen. Dabei fällt auf, dass die Anzahl derer, die diese Niederlage mit einem „Dolchstoß" in Verbindung bringen, weit größer ist als die derjenigen, die jede Art von Verschwörungstheorien ablehnen. Was bleibt aber ist, dass die junge Republik sofort in die Defensive gehen musste, weil ihr der Vorwurf gemacht wurde, im Grunde das Produkt einer antideutschen Verschwörung zu sein. Dass der republikanische Gedanke überdies als Importartikel und damit dem deutschen Wesen fremd angesehen wurde, verschärfte die Situation und führte unter anderem dazu, dass führende Repräsentanten des neuen deutschen Staates vor Gericht gegen die Verleumdungen und Vorwürfe auftreten mussten. Die „Dolchstoß"-Legende wurde aber von rechten, nationalistischen und konservativen Kräften nicht nur zur Delegitimierung der Weimarer Republik benutzt, sie diente auch den Nationalsozialisten zur Legitimierung ihres terroristischen Systems. Hitler hatte von Anfang eindeutig darauf orientiert, radikal und rigide alle potentiellen Gegner auszuschalten, damit sich die Situation von 1918 nicht wiederholen würde. Das ging so weit, dass ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht gestellt wurden und Hannah Arendt weist darauf hin, dass die Nationalsozialisten mit dem „objektiven Gegner", also dem, der subjektiv nichts gegen das Regime unternehmen will, aber objektiv auf Grund seiner Rasse, Religion oder Weltanschauung als gefährlich angesehen wird, eine neue Rechtsfigur geschaffen hatten: Der Jurist Theodor Maunz schrieb 1943 in „Gestalt und Recht der Polizei": „Die Sicherungsmaßnahme will durch Ausscheidung gefährlicher Personen ... einen Zustand der Gefährdung von der Allgemeinheit abwehren, und zwar losgelöst von einem etwaigen Delikt dieser Personen. Es handelt sich darum, eine objektive Gefahr abzuwehren." (S. 44) Dass es sich dabei um eine Pervertierung der Prävention handelte, muss nicht besonders betont werden, aber zur Begründung wurde seitens der Nationalsozialisten in offiziellen und inoffiziellen Verlautbarungen, so z.B. in Hitlers Tischgesprächen, immer wieder die Vermeidung eines neuen „Dolchstosses" herangezogen. Auch unter diesem Aspekt sollte man die von Rainer Sammet material- und kenntnisreich dokumentierte Diskussion zur Kenntnis nehmen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die deutsche Rechte, hier vor allem Erich Ludendorff, die Legende in die Welt setzte, der englische General Sir Frederick Maurice bzw. General Neill Malcolm, der Chef der englischen Waffenstillstandskommission, hätten als erste davon gesprochen, das deutsche Heer sei von hinten erdolcht worden. Beide englischen Generäle aber dementierten energisch, jemals den Ausdruck gebraucht zu haben. Wer aber auch immer den Ausdruck erstmals benutzt hat, er reihte sich damit in eine weit zurück reichende Theorie der Verschwörungen ein, die nicht auf Deutschland beschränkt werden kann. Auch in England gab es die Vorstellung (bildlich ausgedrückt in einer Karikatur in „PUNCH" vom Oktober 1918), dass streikende Munitionsarbeiter die Armee von hinten erdolchen. Aber nirgendwo hatten diese Legenden vom „Dolchstoß" so katastrophale Auswirkungen wie in Deutschland. Rainer Sammet hat eine wissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die auch in breiten, nichtakademischen Kreisen zur Kenntnis genommen werden sollte. Beeindruckend sind auch die Auswertung des immensen Materials zum Thema und die Konzentration auf die wichtigsten Quellen. Wer sich mit der Entstehungsgeschichte der Weimarer Republik befasst hat, wird das zu schätzen wissen. Dem Verlag ist zu danken, eine Schrift in sein Programm aufgenommen zu haben, der eine große Resonanz zu wünschen ist.
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