Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Rezensent hat Tränen der Schadenfreude gelacht. Man krümmt sich über hoch kriminelle Machenschaften. Andererseits: Wie hier den Stützen des deutschen Expertenwesens in Medizin und Rechtspflege die Hosen ausgezogen werden, bereitet ein Vergnügen, an dessen Stärke sich ablesen lässt, wie bedrückend die Macht dieser Ernsthaftigkeitsverwalter geworden ist.
Es ist alles so plausibel: Ein in der richtigen Tonlage geführtes Telefonat mit den richtigen Reizwörtern und der Hochstapler erhält streng vertrauliche Daten, Zahlen, Fakten. Sitzt Postel dann Entscheidungsträgern gegenüber, versteht es dieses Genie der sozialen Intelligenz (IQ durchschnittlich) jeweils genau das zu sagen, was gern gehört wird; nie merken die Herren (auch Damen), wie sie auf den Leim der eigenen Wünsche kriechen. Fast wäre der Hochstapler Chefarzt geworden und sogar im Ministerium gelandet. Voraussetzung all dessen: Postel ist ein Meister der Mimikry, er spricht bei Bedarf fließend Juristisch oder den qualligen Dialekt der Psychologen. Der Hauptmann von Köpenick hat einst den Militärstaat entlarvt, Gert Postel tut das mit der Expertokratie.
Eine amüsante und lehrreiche Lektüre also. Wie soll es weitergehen mit Herrn Postel? Hat er dieses lustige Buch tatsächlich selbst verfasst? All die perfekt gebauten Pointen, Wortspiele und rhetorischen Finessen? (Der Rezensent hegt da Zweifel.) Dann sollte er schreiben. Falls nicht: Als Kommunikationstrainer oder Spezialist für Windei-Fabrikation lässt sich in der Wirtschaft gutes Geld verdienen. Ganz legal. Fröhliche Weihnachten! --Michael Winteroll
Kurzbeschreibung
Mit anderen Worten: Dr. Gert Postel ist ein notorischer Hochstapler. Charmant, belesen, originell, aber: ein Hochstapler. Ein Meister der Verstellung, der mit Witz, Chuzpe und einer großen Portion Menschenkenntnis (und einem Schuß Nonchalance gegenüber den Strafgesetzen) seinen Traum von akademischen Weihen und gesellschaftlichem Aufstieg verwirklichen wollte. Postel fälschte Zeugnisse und Urkunden, bezirzte Professorinnen, schmeichelte Klinikdirektoren - und er erfand sich und seine abstruse Legenden mit jener Leichti gkeit, die nicht nur seine Förderer für das wahre Leben hielten.
So sind seine autobiografischen Geständnisse nicht nur die amüsanten Memoiren eines geläuterten Schwindlers, sondern auch eine doppelbödige Hommage an seine enttäuschte Umgebung: an Anwälte, Politiker, Mediziner, Psychotherapeuten, Richter, Sachverständige, Freundinnen, kurz: an alle, die die unglaubliche Karriere des Dr. Gert Postel erst möglich gemacht haben.
Der Autor über sein Buch
Der Autor ist gerne erreichbar über folgende eMail-Adresse und freut sich über Meinungen, Ansichten, Kritiken:
gert.postel@epost.de
Klappentext
Volker Zastrow, Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Gert Postel, ursprünglich Briefträger, schildert voller Charme und nicht ohne Eitelkeit, wie er sich zum Oberarzt für Klinische Psychiatrie hochmogelte."
Hochschul-Anzeiger
"Doktor Münchhausens Memoiren - höchst amüsant."
Süddeutsche Zeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers. von Gert Postel. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Sie haben mich gefragt, ob ich mich zu der gerade verlesenen Anklage äußern
will, und ich sage: Ja, ich will!
Auch Ihre Frage, ob denn alles stimme, was mir die Staatsanwaltschaft vorwirft,
beantworte ich mit einem uneingeschränkten Ja!
Wenn Sie schließlich wissen wollen, ob mir die ganze Sache leid tut, so kann ich
nur bekennen: Sie tut mir entsetzlich leid; ich bedauere mein Verhalten
außerordentlich! Besonders schlimm ist mir, daß ich das Vertrauen der
Bevölkerung in den ärztlichen Stand ganz allgemein beschädigt habe, daß ich den
Psychiatern als Fachgruppe, die es sowieso mit ihrem Ansehen in der
Öffentlichkeit nicht leicht hat, Schaden zugefügt habe, daß ich schließlich das
im Prinzip gute und intakte Verhältnis zwischen Strafjustiz und forensischer
Psychiatrie zu stören versucht habe. Nicht unerwähnt lassen möchte ich ferner,
daß mir bewußt ist, daß ich den qualifizierten Fachkräften aus dem Westen, die
hier im Beitrittsgebiet Tag für Tag klaglos ihren aufreibenden Dienst, häufig
fern von ihren Familien, verrichten, mit meinem unverantwortlichen Verhalten
ihre Arbeit, insbesondere ihr Bemühen, mit der einheimischen Bevölkerung von
gleich zu gleich ins Gespräch zu kommen, nicht leichter gemacht habe.
Wenn Sie mich allerdings fragen, wie es zu all dem gekommen ist und was sich im
einzelnen ereignet hat, dann muß ich doch etwas weiter ausholen. Ich möchte Sie
sogar ausdrücklich darauf hinweisen, daß diese Frage zu stellen nicht
ungefährlich ist, weil deren Beantwortung zu einer nicht unwesentlichen
Verlängerung des Prozesses führen könnte. In Zeiten der Schnelljustiz, des
abgekürzten Verfahrens, gar des Rechtspflegeentlastungsgesetzes müssen die
zeitlichen Konsequenzen einer solchen Frage ernsthaft bedacht werden.
Andererseits bin ich nicht so vermessen, anzunehmen, Sie wären sich über die
Folgen dieser einfachen Frage nicht im klaren gewesen, und da ich keinesfalls
den Eindruck erwecken will, ich hielte mit etwas hinter dem Berg, wollte mich
vor irgend einer Erklärung drücken, berichte ich schlicht und in dürren Worten,
wie ich die Stelle in Zschadraß erhielt und was ich dort erlebt habe.
Wie es dazu kam
Ich gehe zurück in das Jahr 1995. Ich lebte seinerzeit in Münster und studierte
katholische Theologie, das Fach, wenn man einmal von dem Spezialgebiet der
mittelalterlichen Zahlenmystik absieht, in dem meine angeborene
Mathematikschwäche am wenigsten auffiel.
Leider war meine Zugangsberechtigung zum Hochschulstudium nicht ganz ehrlich
erworben. Ich hatte nämlich einige Jahre zuvor als Ministerialrat im
Kultusministerium den Vorsitzenden der Prüfungskommission angerufen und ihm
nachdrücklich vermittelt, daß eine Neubewertung meiner eigentlich nicht ganz
ausreichenden Examensleistungen durch das Ministerium ergeben habe, daß ich die
fachgebundene Hochschulreife doch noch gerade erreicht hätte und daß mir das
Abiturzeugnis, gebunden an das Fach Theologie, ausgestellt werden sollte. Einer
solchen, wenngleich bloß telefonischen Intervention des Ministeriums zu
widersprechen, schien dem Kommissionsvorsitzenden nicht opportun, so daß mir die
begehrte Ukunde ganz offiziell ausgefertigt wurde. Sie war nicht gefälscht,
beruhte jedoch auf unlauteren Machenschaften, die mich gegenüber anderen ebenso
leistungsschwachen Aspiranten bevorteilte. Außerdem hatte dieses Zeugnis einen
großen Nachteil: Es stammte aus Niedersachsen und berechtigte eigentlich nicht
zum Theologiestudium in Nordrhein-Westfalen.
Das Immatrikulationsbüro der Universität Münster benötigte allerdings nahezu
drei Jahre, während derer ich mich fleißig mit dem heiligen Augustinus
beschäftigte, um das herauszufinden, und so wurde ich im ersten Halbjahr 1995
trotz eigentlich legaler Einschreibung praktisch aus heiterem Himmel zwangsweise
exmatrikuliert, einfach aus der Universität hinausgeworfen. Die von mir
angerufenen Gerichte billigten mir keinen Vertrauensschutz zu.
Immer wenn ich beschämende Zurückweisungen erfahre, sei es von Frauen oder von
Institutionen, werde ich depressiv. Gleichzeitig werden meine Racheinstinkte
geweckt. Ich glaube dann, ein Recht auf Unrecht zu haben.
Mit dieser Exmatrikulation war mein langfristig angelegter Versuch, in die
akademischen Sphären einigermaßen legal aufzusteigen, zunichte gemacht worden.
Dabei hatte ich mich in letzter Zeit sogar mit der Führung falscher Titel
vergleichsweise zurückgehalten und statt dessen eine promovierte Osthistorikerin
geheiratet, mit der ich das eindrucksvolle, leicht irreführende Briefpapier mit
dem Aufdruck "Dr. Gudula und Gert Postel" teilte. All diese, in meinen Augen,
positiven Ansätze wurden offenbar nicht honoriert.
In meiner depressiven, racheschwangeren Stimmung begab ich mich in die
Münsteraner Universitätsbibliothek. Ziellos schmökerte ich herum, als mir
schließlich das Deutsche Ärzteblatt in die Hände fiel. Schon bei früheren
Gelegenheiten hatte ich die antidepressive Wirkung der Lektüre dieses Journals
kennen und schätzen gelernt. Mein Blick fiel auf eine Annonce des Sächsischen
Sozialministeriums, in der ein Oberarzt für die Abteilung Psychiatrie und
Psychotherapie des Sächsischen Krankenhauses Zschadraß gesucht wurde. Da ich
mich bisher eigentlich nur unzureichend am Aufbau in den neuen Bundesländern
beteiligt hatte, sieht man einmal davon ab, daß ich kurzfristig mit meiner
promovierten Ostehefrau ein Plattenbauapartment in Berlin-Hohenschönhausen
bewohnt und zudem einige Tage als Patient in der Charité Erfahrungen mit
Ostpsychiatrie gesammelt hatte, schien mir die Offerte aus Zschadraß durchaus
verlockend.