15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Skurril, schräg und entlarvend, 4. Januar 2004
"Man sagt das nicht gerne über sich selbst: aber eigentlich bin ich ein Nichts. Ein ehemaliger Postbote mit mittlerer Reife, der immer wieder den Akademikern zeigt, dass man nicht unbedingt studiert haben muss, um als Akademiker zu gelten. Erst die schmunzelnde Hochachtung meines Publikums nach meiner Entdeckung macht aus dem Nichts eine reale Person. Obwohl ich eigentlich nichts so sehr fürchte wie das Gefängnis, kommt es mir manchmal so vor, als ob ich die Aufdeckung meiner Untaten herbeisehne, um mich meiner Existenz als wirkliche Person zu versichern."
Diese Schlüsselpassage aus Postels "Doktorspielen" verrät nicht nur das Wesentliche seiner Motivation zum Hochstapeln, sondern birgt in sich bereits die tragisch-komische Dynamik einer eher ungewöhnlichen Biografie. Der Autor spielt nicht nur mit den festgefahrenen Strukturen einer hochgezüchteten Akademiker-Klasse, sondern ebenso mit dem vorgefertigten Weltbild einer unbedarften Leserschaft - und dies mit einer durch und durch amüsant-ironischen und teilweise entwaffnenden Eloquenz. Wer bei der Lektüre nicht mindestens einmal pro Kapitel laut lachen muss, ist entweder Narzisst, Politiker, Mediziner oder Jurist ;-)
Bei allen Hochgesängen der Antipsychiatriebewegung: Postel rechnet in seinen Bekenntnissen bei weitem nicht nur mit der psychiatrischen Zunft ab, sondern mit einem gesamtgesellschaftlichen Konglomerat aus Machthabern diverser Fachrichtungen, die er hin und wieder mit gelungener Situationskomik in peinlichen Konfrontationen gegeneinander ausspielt. So begegnet der Hochstapler bei einer seiner pseudo-ärztlichen Tätigkeiten als Dermatologe in einem dubiosen Institut für Haarimplantationen einem ehemals gegen ihn wegen Hochstapelei ermittelt habenden Staatsanwalt, der sich dort inkognito als Patient eingefunden hat. Die beiden machen einen Deal nach dem Motto "Ich verrate nix, wenn Sie auch nix verraten". Eine diplomatisch-kommunikative Glanzleistung, auch wenn der Autor immer wieder einmal auf der Metaebene seine angebliche Unfähigkeit zur Kommunikation und sein mangelndes Selbstwertgefühl in Szene rückt. Ironie pur!
Als eigentlichen Clou dieser Pseudo-Biografie, bei der im Endeffekt nie ganz schlüssig ist, was nun Fakten sind und wo der Postel'sche Münchhausen sein Talent versprüht, empfinde ich das so genannte "Vorwort" durch Prof. Dr. med. Gert von Berg (das Lieblingspseudonym des Hochstaplers). Die Komik dieser Meta-Pathologisierung erschließt sich dem aufmerksamen Leser allerdings erst nach Ende der Lektüre. Der Verfasser des Vorworts ist niemand geringeres als Gert Postel selbst.
Nicht zuletzt positioniert sich der Autor in diesem "Vorwort" in der gesellschaftspolitischen Aktualität. Man dürfe nicht alles "für bare Münze" nehmen, was in den "etwas selbstsüchtig anmutenden Berichten" P.'s steht. "Unendlich bedeutsamer ist nämlich die Tatsache, dass bereits aufgrund der Zeitungsberichte zu P.'s Prozess sich die gegenwärtig wieder im Erstarken begriffene 'Antipsychiatriebewegung' seiner bemächtigt hat und versucht, ihn zu einem ihrer Säulenheiligen zu machen. Diese in den 68er Wirren entstandene, eigentlich schon totgeglaubte Bewegung, die sich auf den Triester Psychiater Franco Basaglia und den Pariser Modephilosophen Michel Foucault beruft, hat auf ihrem letzten 'Antipsychiatriekongress' in Berlin, wenn ich recht informiert bin, einen eigenen 'Gert-Postel-Raum' gestaltet und wohl auch einen 'Gert-Postel-Preis' ausgeschrieben, der Persönlichkeiten, die sich im 'Kampf gegen die Psychiatrie' verdient gemacht haben, verliehen werden soll. Unterlagen zufolge, die bei P. gefunden wurden, war er zu diesem Treffen als 'Ehrengast' eingeladen, konnte aber infolge seiner Inhaftierung zu seinem Glück nicht teilnehmen. Wenn ich sage 'zu seinem Glück', dann deshalb, weil P. nicht gefeiert und in seiner Fehlhaltung noch bestärkt werden sollte, sondern unser aller uneigennütziger Hilfe bedarf."
Gert von Berg alias Gert Postel spielt hier auf das im Frühjahr 1998 von der radikalen Berliner Antipsychiatriebewegung real veranstaltete Foucault-Tribunal an und zieht damit solcherlei Extremisten gleich mit durch den Kakao (was diese bis heute noch nicht gemerkt haben: Das antipsychiatrische Werner-Fuß-Zentrum in Berlin beherbergt mittlerweile einen "Gert-Postel-Fanclub").
Insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre für Realsatiriker und solche, die es werden wollen...
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Genial !, 14. August 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Doktorspiele. Geständnisse eines Hochstaplers (Gebundene Ausgabe)
Ironie und Sarkasmus pur. Besser geht es nicht. Sogar die Worte des „Herausgebers", Prof. Dr. Gert vom Berg, sind zum Schütteln ! Der Sprachwitz ! Der intelligente Stil ! Hoffentlich schreibt der sympathische Postel noch mehr davon. Auf Lager dürfte er genug haben. Ähnlich hohes Niveau habe ich nur bei Polt und Walser gefunden.
Übrigens, den Herrschaften, die Postel zum kranken Narzissten abstempeln wollen, empfehle ich das nachmittägliche Fernsehprogramm. Da gibt es ganz andere...
Ich möchte Herrn Postel an dieser Stelle noch viel Erfolg bei seiner Tätigkeit als Leiter der Psychiatrie von Odessa wünschen. Alles Gute !
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der Ehrendoktor - eine wahre Geschichte, 16. Januar 2009
Er liest FAZ und spielt das bürgerliche Dasein. Herrn Postel reicht der Job als Postbote nicht mehr. Also muß eine neue Herausforderung her.
Er gibt den Psychiater Dr. Dr. Stefan Bartholdy und beherrscht den Jargon. Den Patienten hat er nie geschadet, da er vor Therapien sicherheitshalber immer die Kollegenmeinung einholte. Selbst die Gerichte hat er mit seinen psychiatrischen Gutachten beduppt. Eine köstliche, süffisant und launig geschriebene Köpenickade die in sich die Lebensweisheit birgt: Kleider und Titel machen Leute. Für seine Eulenspiegelei verdient er den Dr. h.c.
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