Eins vorweg: Ich bin selbst Urologe. Und ich bin auch noch Urologen-Sohn. Und ich komme grad vom Dienst. Und der Autor und mein Vater müssen ungefähr gleich alt sein.
Jedenfalls gleichen sich die Erzählungen der "alten Haudegen" teilweise sehr, fast wirkt es wie eine Urban Legend der Urologie. Natürlich sind wir Chauvinisten, sexistische Halunken und Maniker, schließlich haben wir den tollsten Beruf der Welt! Nur leider erschliesst sich die Faszination dem Leser teilweise nur, wenn er den Blick hinter die Kulissen des Medizinbetriebes bereits kennt und dann oft schmunzelnd zustimmend nickt; die in anderen Rezensionen als erheiternd aufgefassten autoerotischen Anekdoten langweilen den Kenner dagegen eher, wir sehen sowas ja (fast) jeden Tag... Übrigens auch ein Grund, warum Charlotte Roches Bücher bei Urologen nicht viel mehr als ein Gähnen hervor rufen.
Früher war offensichtlich alles besser: man verdiente anständig, konnte saufen wie ein Wikinger und dennoch heroisch im Blut baden und Menschenleben retten. Eminence based medicine ruled. Und immer eine willige Schülerin/Kollegin/Schwester/Physiotherapeutin/Patientin am Start. Dazu Zigaretten en masse, dicke Karren und noch der anfängliche Hinweis, dass man aus prekären Verhältnissen stammt und mit den arrivierten Söhnchen bitte nicht in einen Topf geworfen werden will. Als Präp-Assi war man ein echter Macker gegenüber den "Studenten" (man war übrigens zu der Zeit noch selber einer!). "Mad Men" für Urologen.
Heute dagegen nur noch Ja-Sager, Duckmäuser und ein rein pekuniär ausgerichtetes System.
Recht plakativ, Herr Kollege, möchte man ausrufen, doch halt: in vielerlei Hinsicht hat der Mann recht! Die Freiheit des Arztberufes ist heute nicht mehr gegeben, es geht allermeistens wirklich vordringlich um Geld und Leitlinien bestimmen das Handeln. Das System IST krank, das werden wohl auch die meisten Leser bereits seit Langem wissen.
Echte Typen mit Charakter, skurrile Begebenheiten, ekstatische Feiern und vieles mehr gibt es heutzutage (zumindest in unserer Klinik) sehr wohl noch.
Nun zur Lobhudelei: Man merkt, dass der Beruf den Autor begeistert hat, dass ihm stets die menschliche Seite der Medizin wichtiger war als die Erlangung habilitatorischer Omnipotenz. Ich glaube der Mann hatte eine Menge Spaß! Urologe eben.
Insofern mein Fazit: schnell gekauft (auch als Geschenk), schnell gelesen, viel geschmunzelt, manchmal "Na ja..." gedacht. Alles in allem amüsant, nicht mehr, aber auch nicht weniger.