Darf man Denkmäler nüchtern betrachten? Befangen in der politischen Konfrontation, dem Leid hilflos ausgesetzt und im unreflektierten Versuch einer Rationalisierung der Emotionen neigen Betroffene zu manchmal peinlicher Überhöhung:
"Heute, am Morgen, las ich im "Doktor Shiwago" den Brief der Tonja an ihren Mann Juri Andrejewitsch; ich las und begrüßte dankbar die Tränen in meinen Augen, die aus der Tiefe der Verhärtung dieses sozialistischen Lebens quollen, weil die Sprache dieses Briefes es vollbrachte, den Verhängniskreis des Sozialismus mit einer humanistischen Gebärde zu verlassen..." [1]
Lyrik gedeiht unter Drückung - Prosa mit Hilfe politischer Gegner. Pasternaks Doktor Schiwago hätte vielleicht niemals seine Geltung erreicht, hätten da nicht dem Szenario der auf der einen Seite jahrelangen Unter"druckung" in seinem russischen Heimatexil - die Familie lebte ja in Deutschland - "beflissene" "Freunde" auf der anderen Seite gegenüber gestanden. Veröffentlicht wurde der Roman in Italien [2], bald folgte die für den Nobelpreis erforderliche russische Ausgabe - im Ausland! Nun stand dem Literatur-Nobelpreis nichts mehr im Weg. 1965 erschien der Film, der weltweit die Herzen der Menschen gewann. Aber erst Gorbatschow legalisierte das Werk im Land der Werktätigen, erst 1989, eine Generation nach des Vaters Tod, erhielt stellvertretend Pasternaks Sohn den Preis in Stockholm.
Sucht man in der Wikipedia nach "Doktor Schiwago", wird man zum Film geleitet - nicht zum Buch. Meines Erachtens spiegelt dies die Bedeutung, ja sogar den Wert, aber selbstverständlich nicht den Verdienst. Gelegentlich werden Bücher "nahe am Original" verfilmt - so zum Beispiel Schnitzlers Traumnovelle in Kubricks Eyes Wide Shut. Hier scheint mir das anders zu liegen. Der Film Doktor Schiwago berührte meines Erachtens weniger wegen der Motive aus Pasternaks Roman, sondern weil dem Drehbuchautor Robert Bolt eine kunstvolle Verflechtung von Charakteren und Hintergründen gelang, die weit über die Ansätze des Buchs hinausreicht. Weil der geniale Regisseur David Lean, sein legendärer Kameramann Freddie Young und der Ausnahmemusiker Maurice Jarre ein Gesamtkunstwerk komponierten, welches in seiner symbolreichen Bild- und Tonsprache überwältigt. Man schaue sich nur den Titel des Buchs an; Lara und Tonja und Jura, Komarovsky und Strelnikow - das sind für Millionen von Menschen anders als sonst bei großen Romanen nicht die Umsetzungen in der Phantasie des Lesers, sondern die realen Gesichter von Julie Christie und Geraldine Chaplin, Omar Sharif, Rod Steiger und Tom Courtenay. Die Choreographie der Schicksalslinien dieses Pentagons von Antipoden kreierten die Schöpfer des Films - nicht der Schriftsteller.
Wofür gab es den Nobelpreis ein Jahr nach der Veröffentlichung? Für "Doktor Schiwago" [3] oder "für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition" [4]? Spielt es eine Rolle, wie man es verklausuliert? Es war doch offensichtlich ein politischer Preis, für ein Werk, das mit tätiger Hilfe des CIA [5,6] als Werkzeug der ideologischen Auseinandersetzung eingesetzt worden ist.
"Pasternak hat ein einfaches Buch schreiben wollen, das den Zustand und die Hoffnung seines Jahrhunderts mit einem Mal umfassen sollte. Dieses Buch könnte nur ein Roman sein, denn seine Gedichte hielt er höchstens für Entwürfe, Übungen unterwegs." [7] Lyrik nach Übersetzungen zu beurteilen grenzt an Unfug - hier jedenfalls konzentrieren wir uns auf die Prosa.
"Einfach" trifft es irgendwie. Wer überlegt, den "Doktor Schiwago" zu lesen, sollte sich auf eine spröde Sprache, flatterhafte, oft extrem kurze Sätze, eine Unzahl von Charakteren, hektische Szenenwechsel und kaum erkennbare Linien vorbereiten - das bedeutet auf weit über 600 Seiten frei nach Klitschko wahrhaft "schwere Kost". Oft vermisst man einfach einen Plan. Auch in der Prosa kämpfen noch Phasen des Muts und der Deutlichkeit mit der vorsichtigen, andeutenden Sprache der Angst. Pasternak hat ein Jahrzehnt auf das Buch hingearbeitet, er war ungeachtet seiner internationalen Kontakte kein relativ freier Mensch wie ein Böll oder ein Houellebecq, sondern lebte ja nach wie vor in einem extrem repressiven System auf der anderen Seite des "Eisernen Vorhangs".
Mehr noch, leider: Man findet durchaus schöne Wortmalereien, wie man sie von einem Dichter erhofft. Oft aber drückt er sich geradezu unbeholfen aus, zwar lyrisch blumig, manchmal jedoch mit Bildern, die jeder Deutschlehrer rot markieren würde. Man könnte zudem reihenweise sowohl inhaltlich als auch sprachlich unausgegorene Sätze zitieren, bei denen weder die Berücksichtigung der Zeit noch mögliche Übersetzungsschwächen als Entschuldigung herhalten könnten. In der Reschke-Übersetzung werden solche Defizite durch merkwürdiges Deutsch noch verstärkt.
Am unangenehmsten fand ich jedoch die inhaltsfreie Seitenfüllerei mit unzähligen Protagonisten, die unzählige Alltagsverrichtungen erledigen, ohne dass dies auch nur das Mindeste mit der Handlung oder dem Hintergrundgeschehen zu tun hätte. Und nein, dadurch wird auch keine Stimmung erzeugt oder eine Situation fühlbar gemacht. Man könnte das Buch vermutlich auf ein Drittel zusammenstreichen, ohne dass etwas Wesentliches fehlen würde.
Was - offen gesprochen - dem Buch fehlt, ist einfach ein gutes Lektorat. Man könnte sagen, dass dies in gewisser Weise durch den Film nachgeholt worden ist - aber Pasternaks Roman ist, bei allen indirekten Verdiensten, nicht die Sorte von Roman, die den Leser fasziniert und fesselt. Da gibt ja selbst noch ein Pamuk mehr her. Was nicht heißen soll, dass ich es uninteressant finde, den Roman zu lesen - aber auch enttäuschend. Selbstverständlich ist dies nur eine unbedeutende persönliche Meinung - aber nüchtern betrachtet liegt der Wert dieses Romans alleine in einer gewissen geschichtlichen Bedeutung und in der Tatsache, dass er Anlass zu einem großen Film gegeben hat.
jury 4* A0397 2.12.2010eg
[1] Gert Neumann, Elf Uhr, Siebenter September 1977. Frankfurt a.M. 1981
[2] Giangiacomo Feltrinelli Editore, Milano, 1957
[3] Fischer-Verlag in der Ausgabe von 1997
[4] Wikipedia: Boris Leonidowitsch Pasternak
[5] Anatoli Koroljow: Rätsel gelüftet: CIA half Pasternak bei Gewinn des Nobelpreises RIA Novosti, Januar 2009
[6] Mark Franchetti: How the CIA won Zhivago a Nobel Times, Januar 2007
[7] Fritz Mierau in der Fischer-Ausgabe von 1997
Mir lagen Übersetzungen von Thomas Reschke (Fischer Verlag) und Reinhold von Walter (Bertelsmann) vor. Man kann, soweit es um die Beherrschung der deutschen Sprache geht, eindeutig eine Empfehlung für Herrn von Walter aussprechen.