Neue Zürcher Zeitung
Der Zug hält beim Wort Kolumnen von Peter Bichsel Es gibt Dinge, die entstehen, weil es geheimnisvoll schöne Wörter für sie gibt. «Isabellenfarbig» zum Beispiel: «Die siamesische Katze hat ein Fell, das glatt anliegt und isabellenfarbig ist», so liest es der Bub in einem alten Tierbuch, das beim Grossvater neben der Bibel steht. Verfasst wurde es von «Dr. Aug. Schleyer», dem «Vorstand der königlich landwirtschaftlichen Winterschule». Und staunend mischt das Kind das Wort «Vorstand» mit der Szenerie eines Bahnhofs und legt über sie ein herrliches Winterweiss. Hier verläuft ein Streckenabschnitt durch Wörterkontinente, die nicht anders als lesend zu bereisen sind. Es gibt auch Dinge, die verschwinden auf jener Landkarte der Wortimagination, wenn sie etwa falsch benannt werden. «Gschwellti» zum Beispiel wäre eine Lieblingsspeise; «Pellkartoffeln» hingegen sind substanziell vielleicht dasselbe, kategorial allerdings etwas sehr anderes, denn die «Bezeichnung gehört mit zum Geschmack». In seinen versammelten Kolumnen aus den vergangenen drei Jahren nimmt Peter Bichsel den Leser mit zu jenen sublimen Abenteuern, die der schriftlichen Form bedürfen: «Sie werden nicht gelebt, sie werden gelesen. Sie finden offensichtlich erst statt, wenn sie geschrieben sind.» Bichsels kurze, menschenfreundliche Einwürfe zum wahren Leben im falschen sind ein unermüdliches Plädoyer für die kleine Exotik des Abseitigen. Im Verlieren, im Nichtkönnen, im Scheusein sehen sie die Möglichkeit der Freiheit. Sie öffnen Räume für das Langsame, für kleine Fluchten und widerständige Emanzipationen im Windschatten der Tüchtigen. Und weil am Anfang eines Kinderlebens Worte da waren als Verheissungen, führt Bichsel wortgläubig immer wieder zu ihrer geheimen Wirklichkeit zurück, in Namen, Klang und Schriftbild: «Eisenach. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich es sehe, wie wenn ich eigentlich nicht den Wunsch nach einer Stadt gehabt hätte, sondern nur nach einem Wort, einem Namen, der hier in Eisenach auf dem Bahnhof seine aktuelle Realität bekommt.» Angelika Overath
Kurzbeschreibung
Peter Bichsel bildet nicht die Welt ab, »wie sie angeblich ist«, sagt Peter von Matt, sondern er hat gelernt, »auf die Stimmen der Welt zu hören, sie aufzufangen und mit ihnen zu arbeiten, sie zu verbinden und zu fügen, spielerisch und doch in strenger Komposition«. Nirgendwo lassen sich jene »Stimmen der Welt« besser, deutlicher vernehmen als in jenen so eigensinnigen Geschichten, die Peter Bichsel »Kolumnen« nennt: Beobachtungen von unterwegs.Da begegnen wir dem eigenartigen Egon, der nur in Andeutungen und Abkürzungen spricht, werden Zeugen eines Wutausbruchs von Paul, eines sonst eher gemütlichen Menschen, sitzen als Fremde in einer Bar in Brisbane, besuchen die »Bahnhofswinterschule«, treffen eine alles andere als naive Erstkläßlerin, denken an die mißlingenden Weihnachtsfeste, den kranken Freund und hören den heutigen Jungen zu, die später erzählen werden, daß früher alles anders und besser war. Aber »was wären wir, wenn sich nicht alles verändert hätte?« fragt Peter Bichsel. »Wir wären nichts, hätten nichts, hätten nichts erlebt und nichts zu erzählen.«