Dieser Artikel befasst sich mit dem Inhalt des Films "Doktor Schiwago". Mehr über Produktion, Regie, Darsteller, Musik und Technik, Geschichte und Extras findet sich in meiner Besprechung zu
Doktor Schiwago [Blu-ray]. Die Rezension beim Buch
Boris Pasternak - Doktor Schiwago nimmt ebenfalls auf den Film Bezug.
David Lean zelebriert seinen dreistündigen Film wie einen Theaterabend. Eine Ouvertüre begleitet den Einzug des Publikums in den Saal, ein Pausenbild mit entsprechender Musik unterbricht die Vorführung.
Die Handlung beginnt noch vor der russischen Revolution damit, dass der kleine Jurij Schiwago (Tarek Sharif, 8, leiblicher Sohn von Omar Sharif) als Vollwaise von Verwandten aufgenommen wird, wo er mit deren Tochter Tonya, seiner späteren Ehefrau, aufwächst.
Der erwachsene Dr. Jurij Schiwago ist Arzt aus Leidenschaft und Dichter aus Berufung. Der Krieg und die Revolution bestimmen sein Leben, trennen ihn von der hochschwangeren Frau Tonya (Geraldine Chaplin, 21) und seiner großen Liebe Lara (Julie Christie, 24, die nach Ansicht vieler vielleicht schönste Frau der Filmgeschichte).
Larissa Antipowa bestimmt das Leben von gleich drei Männern - neben Jurij Schiwago (Omar Sharif, 33) ist da der junge Pasha (Tom Courtenay, 28), mit dem sie verheiratet ist, den sie aber niemals wiedersehen soll. Und schließlich der einflussreiche und mächtige Liebhaber ihrer Mutter, Monsieur Komarovski (Rod Steiger, 40), der Lara gleichzeitig verehrt und benutzt, schließlich bis zuletzt zu schützen versucht, als er längst erkennen musste, dass ihre einzige Liebe Schiwago gilt.
Die Männer um Lara repräsentieren mit Macht, Geld und Kunst völlig verschiedene Einstellungen zum Leben und vor allem zur Liebe. Ihre schicksalhaften Begegnungen symbolisieren Wendepunkte des Films und der politischen Entwicklungen.
Pascha wandelt sich vom naiven Idealisten, der seine Verlobte nicht anrührt und an das Gute glaubt, zum zynischen und gefürchteten Revolutionsführer - der aber sein Leben verliert, weil er letztlich doch noch das Risiko eingeht, seine Frau zu suchen.
Komarovsky versteht, wie die Welt sich dreht - er macht seine Geschäfte, ist stets auf alle Entwicklungen vorbereitet und eine leidenschaftliche Frau wie Lara ist für ihn eine Schlampe - was ihn nicht daran hindert, sie zu vergöttern. Zuletzt kann er aber nicht damit umgehen, dass Lara und Jurij ihm selbst dann, als er nur noch helfen will, aus dem Wege gehen wollen - er verzweifelt an dem, was er an anderen immer verachtet hat und worüber er selbst stehen wollte: Gefühl.
Schiwago sieht die Welt realistisch, bewahrt sich aber eine schönere Alternativwelt in seiner Fantasie. Er handelt streng moralisch, erkennt aber schließlich, dass seine Bestimmung in seiner Liebe zu Lara liegt. Obwohl er einsam stirbt und nie von seiner Tochter mit Lara erfährt, bleiben von Ihm als Einzigen schließlich die Lyrik und in seiner Tochter mit Lara das Erbe erhalten.
Pascha hält als idealistischer Revolutionär quasi bei Komarovsky um Laras Hand an, ohne um deren Verhältnis zu wissen. Schiwago trifft ihn, dann schon als Strelnikow bekannt, bei dessen Flucht nach Warikinow in seinem Kommandowagen. Schließlich überzeugt Komarowki Schiwago, Lara mit ihm ins vermeintlich sichere Exil zu schicken.
Jurijs Halbbruder General Jefgraf (Alec Guinness) erzählt die Geschichte Schiwagos in einer Rahmenhandlung einer jungen Arbeiterin. Er hofft, in ihr die Tochter von Lara und Jurij wiedergefunden zu haben.
In beeindruckender Meisterschaft verstand Robert Bolt die Erzählstränge Pasternaks vor dem Hintergrund des Kr*eges und der Revolution zu verflechten. Immer wieder erweist sich David Lean als quasi literarischer Filmer, der die Gedanken, Handlungen und Hintergründe im Kopf des Betrachters entstehen lässt. So wird zum Beispiel niemals eine Gedichtzeile vorgetragen, man erfährt nicht den Inhalt des Briefes, in dem Lara dem jungen Revolutionär Pascha von ihrer Affäre mit Komarovsky beichtet, man sieht nichts Reales von Liebe und Gewalt - alles spielt sich im Kopf des Zuschauers ab, sofern dieser nur die Phantasie, das Einfühlungsvermögen und die Auffassungsgabe besitzt, die man auch benötigt, um einen guten Roman genießen zu können.
Dabei geht Lean noch einen Schritt weiter und setzt bevorzugt statt langwierigen szenischen Erzählungen Symbolik ein - von der Balalaika, die von Schiwagos Mutter bis zur unbekannten Tochter ihren Weg fand, über die Funken des Stromabnehmers, als sich Lara und Jurij das erste Mal zufällig - und unbewusst - begegnen, dem roten Blutfleck im Schnee bis zur hinfallenden Brille nach einem Granateinschlag; die Kraft der Symbole spiegelt die unglaubliche Kunstfertigkeit des Regisseurs.
Statt Geschichte zu filmen, setzen viele Künstler die Erzählung ein. Lean vermeidet auch hier biederen Realismus. Man sieht nicht, wie die Dragoner harmlose Demonstranten niedergaloppieren und mit dem Degen erschlagen - es wird auch nicht davon berichtet - man hört nur das Singen der Lieder, den Lärm des Gemetzels und sieht die feuchten Augen Schiwagos, der gleichermaßen entsetzt und hilflos die Szene vom Balkon aus verfolgt.
Von solch subtiler Erzählweise ist mancher, der von Filmen wie Braveheart spritzendes Blut und herausquellende Därme gewohnt ist, offensichtlich überfordert. Menschen mit Sensibilität und Auffassungsgabe allerdings werden schnell erleben, wie viel intensiver diese kunstvolle Bildsprache das Geschehen, Denken und Empfinden der Charaktere fühlbar macht.
Keine noch so gewagte Bettszene kann die leidenschaftliche Liebe deutlicher machen als die blühenden Narzissen und der ungestüme Galopp zur Geliebten. Kein lauter Streit kann das Zusammenbrechen der Welt für den jungen Pascha so erlebbar machen wie die geräuschlose, von der Straße durch die Fenster gesehene "Pantomime" von Pascha Antipow, der sich genau in diesem Moment vom Idealisten Pascha zum Revolutionsführer Strelnikow wandelt. Die gleiche Straßenbahn, welche die erste Begegnung von Lara und Jurij einleitet, begleitet auch die Vollendung ihres Schicksals.
Die legendäre Kamera von Freddie Young hat Bilder von unglaublicher Kraft gesammelt - unter schwersten Arbeitsbedingungen, wie man auf Fotos der damaligen Eisenzeit-Technik erkennen kann.
Dazu zählen auch die intimen Aufnahmen der vorzüglichen Schauspieler. Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der sich Julie Christie - so gefilmt - eine kleine Ewigkeit lang ausschließlich anschauen könnte.
Aber die Krönung des Werks bildete wie schon in anderen großen Filmen von David Lean die Musik von Maurice Jarre - "Lara's Theme" war weltweit bekannt, bevor die Scharen der Zuschauer den erfolgreichsten und meines Erachtens kunstvollsten Film seiner Zeit in den Kinos bewunderten.
film-jury 5* A0396 2.12.2010e 18 A Genre: Drama | Romanze | Krieg