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Ein Psychothriller von Toni Davidson
Dr. Curtis Sad ist Leiter der Abteilung für interfamiliäre Sexualität an einer psychiatrischen Klinik in Schottland. Er wandelt auf dünnem Eis, als er Click und Fright, zwei schwerstgeschädigte Knaben, einer experimentellen, von ihm ersonnenen Behandlung unterzieht. Seine «Milieutherapie» besteht darin, den Patienten halluzinogene Drogen zu verabreichen und sie dann mit der rekonstruierten Umgebung, in welcher sie ihre Traumatisierungen erlitten, zu konfrontieren. Auf diese Weise sollen die erstarrten Seelen aufgebrochen und dem Therapeuten zugänglich gemacht werden. Angespornt von der Gier nach Erfolg und ohne Rücksicht auf seine Patienten baut Sad in einem verlassenen Flügel der Klinik insgeheim die Lebenswelten der Knaben nach. Als er sie dort aussetzt, tritt das erhoffte Ergebnis tatsächlich ein. Es nimmt allerdings Formen an, die Sad rasch über den Kopf wachsen.
Der Spannung, die der 35-jährige Schotte Toni Davidson in seinem Erstlingsroman «Dr. Sad» («Scar Culture», 1999) erzeugt, kann man sich schwer entziehen. Sie ist allerdings schwerlich einzulösen, und so ist das Ende denn durchaus vorhersehbar und zudem etwas verwirrend. Rundum gelungen und packend sind die Porträts von Click und Fright. Was diese beiden durchmachten, schildert Davidson als Rückblende und ganz aus der Perspektive der Kinder, fragmentarisch, per Andeutung und mit Respekt vor ihrem Leiden. Es bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen, die dunkelsten Stellen zu ergänzen.
Click bekam seinen Namen, weil er seine Vergangenheit in «Kopffotos» gebannt hat, die er betrachten kann, als zeigten sie eine von ihm losgelöste Wirklichkeit. Seine verwahrlosten und psychisch angeschlagenen Eltern, mit denen Click im Wohnwagen herumvagabundierte, überhäuften ihn mit neurotischen und sehr physischen Liebesbezeugungen. Auch Fright trägt sein Trauma im Spitznamen mit. Er ist vom sadistischen Vater, der die Ermordung der Mutter als Unfall vertuschte, bis an den Rand des Todes geprügelt und fürchterlichen Ritualen unterzogen worden.
Davidsons Erstling ist sprachlich und kompositorisch eindrücklich; der Autor hat mit spürbarem Aufwand recherchiert und spart nicht mit satirischen Seitenhieben auf die Psychiatrie. «Dr. Sad» ist auch ein heikler und gelungener Balanceakt zwischen Empathie und Voyeurismus. Abgesehen von einigen Schockeffekten, die jedoch nicht in spekulativer Absicht eingesetzt werden, setzt der Autor bei seiner niederschmetternden Innenansicht zweier zerstörter Kinderseelen auf karge und behutsame erzählerische Mittel. Nichts wird erklärt, das Geschehen ergibt sich ganz aus der Darstellung. Dadurch wird der Leser so nahe an den Horror und das Unsagbare herangeführt, wie es bei einem solchen Thema wohl möglich ist.
Georg Sütterlin
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