Was Moldens Roman ganz besonders auszeichnet, ist seine unheimlich präzise Darstellung der "österreichischen Seele". Die Charaktere in seinen Büchern sind allesamt so plastisch und wirklichkeitsnah beschrieben, daß man manchmal denkt, es komme jemand aus dem persönlichen Bekanntenkreis darin vor. Die Sprache ist stark österreichisch eingefärbt und es wird mit regionalen Ausdrücken nicht gespart. Ebenso werden lokale Legenden und Mythen ganz bewußt mit der Wirklichkeit verwoben, sodaß wie bereits in seinen beiden letzten ausgezeichneten Romanen "Biedermeier" und "Austreiben" eine verzerrte Sicht der Realität entsteht. Damit siedelt sich der junge Autor irgendwo im Grenzbereich zwischen Phantastik und Realismus an, verweigert aber gleichzeitig jede exakte Klassifikation. Auffallend ist bei Molden auch seine offensichtliche Verbundenheit mit der Geographie seiner Heimat - in all seinen Werken tauchen Straßennamen auf, die man selber kennt, es werden Wirtshäuser besucht, in denen der eine oder andere Leser vielleicht schon einmal zu Mittag gespeist hat, und in seinem neuen Buch wird die Wanderung seines aussteigenden Protagonisten durch den nördlichen und südlichen Wienerwald so akribisch genau beschrieben, daß man der Route fast parallel auf einer Wanderkarte folgen könnte. All das zusammen erzeugt im Leser ein Gefühl von hoher Authentizität, das sich auch noch dadurch steigert, daß der Vizekanzler in "Doktor Paranoiski" gewisse Ähnlichkeiten mit einem zeitgenössischen Regierungsmitglied aufweist. Molden zeichnet ein sehr ambivalentes Bild seiner Naturschützer-Truppe. Abgesehen davon, daß keiner weiß, wieviele Mitglieder sie eigentlich zählt, so darf auch niemand fragen, wie die Ziele ihres Handelns eigentlich zu erreichen wären. Wichtig ist ihnen eine ausgeklügelte Taktik, und das Bewußtsein, alternativ und radikal zu agieren. Daß sie dabei des öfteren ihren eigenen Idealen zuwiderhandeln, stört offensichtlich keinen, und auch die Realisierbarkeit ihrer Absichten ist niemals Thema. Dafür gibt es starre interne Hierarchien und Befehle, die widerspruchsfrei auszuführen sind. Parallelen zum Bundesheer drängen sich förmlich auf. Ernst Molden ist zu intelligent, um mit "Doktor Paranoiski" ein simples Manifest für Globalisierungsgegner zu verfassen, und zu vielschichtig, um seinen Roman als Allegorie über tatsächliche politische Zustände im Land zu sehen. Er geht sogar so weit, den Text als eine Abschrift von drei Audiokassetten zu präsentieren, die vom Protagonisten einschließlich Begleitbrief an dern Herausgeber gesendet wurden. Somit kann der ganze Text noch zusätzlich als Phantasie eines kranken Aussteigers gelesen werden, der sich in eine Traumwelt zurückgezogen hat. Er schreibt: "Halten Sie sich auch vor Augen, daß, sollten die aus diesen Bändern entstandenen Papiere veröffentlicht werden, sie doch niemals zur Klarheit beitragen werden, denn alles, was Natur ist, strebt in die Verwirrung."
In diesem Sinne, viel Spaß beim Analysieren.