Sooo fiktiv ist John Banvilles Roman "Doktor Kopernikus" garnicht. Eher kann man diese Romanbiographie als einen gelungenen Vertreter des Genres bezeichnen: Es geht nicht in jedem Detail darum, ob's nun haargenau so war wie beschrieben, sondern darum, ob es so gewesen sein könnte -- unter Berücksichtigung der historischen Fakten. Und hier hat sich Banville wieder einmal als Meister des Genres präsentiert und bringt Nikolaus Kopernikus, einen der größten Physiker und Astronomen überhaupt, dem Leser auch bzw. vor allem als Mensch näher. Man kann diesen Roman nämlich auch dann mit Gewinn lesen, wenn man in Physik einen Fünfer hatte. Jedoch sind gute Physiknoten kein Hinderungsgrund...
Schließlich begeht Banville nicht den beliebten Fehler, eine historische Person dem Leser durch irgendwelche Skandälchen anzubieten. Im Gegenteil: Er zeigt Kopernikus als ein Kind seiner Zeit, verwoben in deren Denkmuster und Bedingungen. Die Konflikte werden klar herausgearbeitet, die sich zwangsläufig daraus ergeben mussten, dass selbständiges Denken im 15. und 16. Jahrhundert schonmal lebensgefährlich werden konnte, sogar wenn man bedeutende Gönner hatte. Und obendrein verlief Kopernikus' Leben alles andere als langweilig, sodass sich allein schon die "reine" Biographie spannend liest. Und dazu Stimmungsbilder aus Kopernikus' Ermland incl. Deutschmeister-Querelen ebenso wie Einblicke ins damalige Italien, und in die Handlung hineinspielende Intrigen am Hof der Borgia-Päpste. Dementsprechend variiert Banville auch immer wieder das Erzähltempo, rast mal atemlos durch wissenschaftliche Erkenntnisse, verzögert dann wieder die spinnennetzartigen Eingriffe der Weltgeschichte, foltert den Leser durch den Einschub fiktiver Briefe von und an Kopernikus, um dessen Kopf und Kragen es gerade geht. Ein Könner eben.
Aus zwei weiteren Gründen vor allem ist Banvilles Unternehmen gelungen: Er erweist sich einerseits als Kenner der politischen und Wissenschaftsgeschichte, und dieses umfangreiche Wissen reibt er dem Leser nicht ständig unter die Nase, sondern webt daraus einen stimmigen Hintergrund, der Kopernikus' Biographie umso klarer hervortreten lässt. Auch ohne allzu exaktes Vorwissen versteht man, wie und warum Kopernikus' Konflikte unvermeidbar waren: Hier das sakrosankte ptolemäische Weltbild, dort die exakten Beobachtungen, die sich mit dem vorgegebenen Weltbild partout nicht vereinbaren ließen. Nicht nur um eine Revolution des Weltbildes geht es hier, sondern auch der zugrunde liegende Zeichenbegriff musste umgekrempelt werden. Banville vermittelt das und noch vieles andere, ohne je den Oberlehrer hervorzukehren.
Welche eine Provokation die Feststellung im 15. Jahrhundert gewesen sein musste, die Erde drehe sich um die Sonne, und nicht umgekehrt, das kann man heute ja nur erahnen. Banville hilft einem dabei, und zugleich befördert er die Erkenntnis, welchem Mut wir die Selbstverständlichkeit zu verdanken haben, dass sich Denken und Wissenschaft keiner Ideologie zu beugen habe. Schließlich bestehen Kopernikus' Verdienste nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht ("nur" ist gut...), sondern ohne die Naturwissenschaftler seines Schlages wäre das heutige aufgeklärte Weltverständnis nicht vorstellbar, und damit die Freiheit des Gedankens.
Dass sich "Doktor Kopernikus" so gut liest, liegt aber nicht nur an den zugrunde liegenden Fakten und auch nicht allein daran, dass einem en passant eine Geschichtslektion der besonderen Art zugute kommt. Schließlich richtet sich seine Romanbiographie nicht nur an einschlägig interessierte nachgeborene Kollegen von Kopernikus, sondern auch an alle, die gerne gut geschriebene Romane lesen. Und Banvilles Stil besticht in seiner Eleganz und seiner Anschaulichkeit, die der Übersetzer Bernhard Robben auch gut ins Deutsche herübergerettet hat. Besonders einprägsam ist der gezielte Einsatz von Synästhesien: Da ist schon einmal vom "dicke[n] grüne[n] Gestank der Menschheit" die Rede, wenn das Kind Nikolaus Koppernigk durch die Gassen der Vorstadt schnürt, und im Unterricht hat er's zu tun mit der "grabeskalten Musik der Mathematik", die ihn sein Leben lang faszinieren wird mit ihrem "pompösen Marsch einer lateinischen Zeile", die schließlich im "kupferne[n] Akkord vollkommenster Glückseligkeit" gipfelt. Als herausgegriffene Beispiele mag das etwas prätentiös wirken, aber Banville bettet solche Passagen geschickt in den Text ein, und zwar dann, wenn es um Kopernikus' Wahrnehmungsfähigkeit geht -- hier nimmt man dann die Welt wahr mit Kopernikus' Augen (bzw. Ohren und Nase). Dieser Kniff verleiht dem Roman eine wortkarge Eleganz, ohne dass man dem Autor sofort auf die Schliche käme.
Freilich sind dem Autor einige mindere Flüchtigkeitsfehler unterlaufen; so dürfte ein Kind des 15. Jahrhunderts beim Anblick der Wolken kaum an ein Luftschiff gedacht haben (oder hat hier der Übersetzer geschusselt?), und der Bleistift wurde auch erst kurz vor Kopernikus' Tod erfunden; als Kind wird er also bestimmt keinen benützt haben. Eine Theateratmosphäre, so es denn damals im Ermland überhaupt Theater gegeben hat, dürfte auch etwas anderes gewesen sein als das, was wir heute darunter verstehen. Schusseleien dieser Art finden sich etliche im Roman, die aber den Gesamteindruck wirklich nicht sehr stören. Am ehesten stört noch eine etwas alberne Anspielung auf den "Tod in Venedig" (oder soll da der Bildungsbürger endlich mal auch das Erfolgserlebnis haben, einen Gag bemerkt zu haben? Banville hat derlei jedenfalls nicht nötig). Ähnlich geschusselt hat zuweilen auch der Übersetzer, auch wenn seine Übersetzung stilistisch überzeugt. Das unerträgliche "in keinster Weise" ist sprachlich grober Unfug, das grauslige "nichtsdestotrotz" nicht minder. Das gehört auf den Müll, nicht in eine literarische Übersetzung. Auch die "Weltmännischkeit" geht auf die Rechnung des Lektors, und noch manches andere; hier verkauft sich die deutsche Übersetzung weit unter Wert, gerade weil sie sonst gut ist.