Eine Sammlung von Erzählungen des schwedischen Krimiautors Hakan Nesser, die beweisen, dass der Autor auch das Schreiben kurzer Geschichten hervorragend beherrscht.
In "Eine ganz andere Geschichte" fährt ein Schriftsteller, der seit Jahren nichts zu Papier gebracht hat, mit seiner Frau nach Venedig in der Hoffung, dort wenigstens eine Novelle schreiben zu können. Ihm scheint tatsächlich ein Anfang zu gelingen, aber: Schreibt er, was er erlebt, oder erlebt er, was er schreibt? Eine Handlung auf zwei Ebenen, die in einem persönlichen Desaster endet. (Einem Krimiautor wärs vielleicht nicht passiert.)
"Erledigung einer Sache": Der Ich-Erzähler muss, um den letzten Willen seiner Mutter zu erfüllen, seinen bis dahin unbekannten Vater aufsuchen, der nach einem Gefängnisaufenthalt wegen Mordes nun in einem Heim lebt, und ihm eine Botschaft überbringen. Möglicherweise ahnt man das Täuschungsspiel, das der Autor mit seinem Erzähler und dem Leser treibt, doch sie ist glaubhaft konzipiert: Die kurze prägnante Geschichte um eine Lebenslüge.
"Die Wildorchidee aus Samaria" ist meine persönliche Lieblingsgeschichte, die Motive aus den Romanen "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" und "Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla" vorwegnimmt (sie wurde laut Nachwort bereits vor den Romanen verfasst): Ein Verbrechen, das sich in der Jugendzeit des Protagonisten ereignet hat und nie geklärt wurde - u.a. weil er selbst Informationen zurückhielt - erfährt eine neue Wendung durch ein Geständnis auf dem Sterbebett und kommt ans Licht.
Mit einem Junglehrer, der alles richtig machen will, hat man es in "Sämtliche Informationen in einer Sache" zu tun. Eine seiner Schülerinnen ist bei einem Unfall getötet worden; dennoch soll das Mädchen posthum ein Zeugnis bekommen. Auch wenn eine Handlung im Grund sinnlos ist und niemandem dient, muss sie perfekt, durchdacht und bin ins Kleinste gerecht sein. Immerhin führt diese Erfahrung zu einer Lebensentscheidung.
Ein 9jähriges Mädchen beschließt in "Das unerträgliche Weiß zu Weihnachten", seine Mutter mit Rattengift zu töten, falls es nicht zu Weihachten einen Hund bekommt. Eine perfide Geschichte zum Thema "Erfüllte Wünsche".
"Bachmanns Dilemma" heißt Eifersucht und richtet sich gegen seine Ehefrau, die er des Ehebruchs verdächtigt, und mündet in Plänen zur Ermordung des Nebenbuhlers. Man kann sich zwar denken, worauf die Geschichte hinausläuft, aber man liest sie doch mit einer gewissen Schadenfreude am Ende.
Mit lediglich sechs Erzählungen ist dies keine umfangreiche Sammlung, und nur mit einer großen Schrift und großzügigem Seitenumbruch ist ein 280 Seiten dickes Buch daraus geworden, und doch künden die Geschichten von der Vielfältigkeit und dem Ideenreichtum des Autors und brauchen sich hinter den Romanen nicht zu verstecken.