Der vierte der großen Romane Thomas Manns (neben Buddenbrooks, Zauberberg und Joseph) ist gleichzeitig sein düsterster und sein am schwersten verständlicher. Doch es lohnt sich, die Mühe auf sich zu nehmen, die vor allem die ersten 200 Seiten bereiten, denn in seiner Gesamtheit betrachtet handelt es sich hier um einen der großartigsten Romane der Weltliteratur. Der mythisch-heitere Ton der Joseph-Romane (neben Goethes Faust das wohl ambitionierteste und in seiner Genialität unübertroffene Werk deutscher Literatur) weicht dem unheilschwangeren schweren Ton, der die deutsche Geistesgeschichte analysiert und eine Kontinuität von Luther bis zu Hitler konstruiert. Adrian Leverkühn, der geniale Komponist, der sich seine Schaffenskraft mit dem Wahnsinn erkauft, stellt einen "Akkord" (Gunilla Bergsten) dar, bestehend aus Personen der Geistes- und Literaturgeschichte, von Christus über Faust bis zu Nietzsche. An seiner Lebensgeschichte wird der Niedergang Deutschland bis zum Untergang 1945, der nicht nur dem Nationalsozialismus ein Ende machte, sondern auch der bürgerlichen Welt, exemplifiziert. Ob Leverkühns Charaktereigenschaften - hohe Intelligenz, extreme soziale Kälte, Menschenscheu und ein Hang zur Selbstinszenierung - für den typischen Deutschen stehen können, der den Pakt mit dem Teufel (also mit Hitler) schloss, ist diskutabel.
Die vielfach kritisierte Sprache des Romans zeigt sich hier als Stilmittel, das Thomas Mann bewusst einsetzt: Hier redet der Biograph Serenus Zeitblom, ein braver Gymnasiallehrer, sehr gebildet, aber eben doch beschränkt. Zeitblom ist ein bemühter, mitunter jedoch nicht allzu zuverlässiger Zeuge. Welche Kluft zwischen ihm und seinem Freund Leverkühn besteht, zeigt sich darin, dass die besten Kapitel des Romans - neben den beiden Echo-Kapiteln - diejenigen sind, in denen Leverkühn selbst zu Wort kommt: Die Briefe aus Leipzig, das (imaginierte?) Teufelsgespräch und Leverkühns Abschiedsrede, der "Oratio Fausti ad studiosos" aus der "Historia" von 1587 nachempfunden.
Ein Wort zu den musikologischen Passagen. Sie sind für einen Laien mitunter schwer lesbar, doch es zeigt sich schnell, dass es für das Verständnis dieser Passagen nicht auf Detailkenntnis ankommt, sondern auf das Künstlerbild, das ausgebreitet wird: Das des genialen Künstlers, der seine Genialität mit seiner Gesundheit bezahlen muss. Als Beispiel dient im Roman Beethoven. Leverkühns Konzept ist das der gebundenen Freiheit, der man die Gebundenheit nicht mehr anmerkt, eine Freiheit aus Gebundenheit. Erreicht werden soll das durch die Verbindung von Mathematik und Magie (sprich: irrationale Genialität), augenfällig gemacht durch das "Magische Quadrat" aus dem Kupferstich "Melencholia I" Albrecht Dürers. Leverkühns letzte Komposition, "Dr. Fausti Weheklag" ist die Erfüllung dieses Modells, ein rundum negatives Werk der Klage, der 9. Sinfonie Beethovens gegenübergestellt. Der letzte ambivalente Ton, der leise verhallt, gemahnt an den ambivalenten Schluss der "Götterdämmerung" Wagners. So ist auch dieser düstere Roman mit seiner Verschränkung vom Ende der Kunst als dem Ende der Menschheit, das sich im totalen Zusammenbruch Deutschlands zeigt, ambivalent, es besteht die Hoffnung auf eine neue Kunst und ein besseres Deutschland. Diese Hoffnung hat sich im zweiten Punkt erfüllt, was den ersten Punkt angeht, steht Thomas Mann in der deutschen Literatur nach Goethe - neben Fontane - ziemlich allein.