"Ich hatte einen Bekannten besucht, von dem ich irgend etwas brauchte. Bei ihm fand ich, womit ich nicht gerechnet hatte: deutsche Bücher. Plötzlich fiel mir ein kleiner, schmucker Band auf: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, 1936 in Zürich veröffentlicht. Sofort las ich das Gedicht, das die Sammlung eröffnet: das "Eisenbahngleichnis". Es beginnt: "Wir sitzen alle im gleichen Zug / und reisen quer durch die Zeit." Und es endet: "Wir sitzen alle im gleichen Zug. / Und viele im falschen Coupé." (Aus: Marcel Reich-Ranicki: "Mein Leben") Kurze Zeit nach diesem Ereignis lernte Marcel Reich-Ranicki seine Frau Teofila kennen, die später 56 wundervolle Gedichte von Kästner im Warschauer Ghetto aufschrieb und illustrierte. Diese Ausgabe ist wohl die schönste aller erschienenen Kästner-Ausgaben. Die Auswahl, die Originalabschrift sowie persönliche Anstreichungen von Teofila Reich-Ranicki "lassen erahnen, in welchem seelischen Zustand sie sich nach dem Inferno des Erlebten befunden haben muß." (Salomon Korn) Kästners Lyrik ist manchmal traurig, manchmal lustig, meistens ironisch. Lyrik, die einen lächeln läßt. Immer aber spürt man , wofür Kästner schrieb: Um die Welt zu verbessern. Er war ein Moralist. Die, die Moral gebraucht hätten, ließen seine Literatur 1933 verbrennen. Dieses Buch ist, wegen seines Inhalts,wegen seiner großartigen Illustration, aber auch wegen seiner Geschichte, die eng mit der des Ehepaars Reich-Ranicki zusammenhängt, ein Muß!