Hände weg von diesem Film, wenn man sich nach der Plot-Beschreibung auf dem Cover auf einen unterhaltsam spannenden Kino-/Video-Abend mit all den normalen Ingredientien freut. Dieser Film ist anders und weicht formal und inhaltlich vom Normalen ab (mich wundert allerdings, dass das der einzige Grund ist, warum ihm so viele RezensentInnen gleich schlecht bewerten).
Formal kann der Film nicht einfach als verfilmtes Theaterstück beschrieben werden, denn dies würde bedeuten, all die anderen Dimensionen zu ignorieren. Ja, die ganze Handlung spielt in Dogville und diese Stadt ist in einer Studiohalle 'aufgebaut'. Allerdings ist die Struktur der Stadt, ganz anders als in herkömmlichen Dramen, nicht durch Kulissen repräsentiert, sondern grundsätzlich nur durch Umrisse am Boden und teilweise Bezeichnungen (Stachelbeersträuche sind als Kreideumrisse plus dem Wort dargestellt) symbolisiert. Dies schafft auf der einen Seite eine extreme Durchsichtigkeit (also man sieht immer alles, was die BewohnerInnen machen, die auch fast immer alle im Set zu sehen sind, wenn auch im Hintergrund), auf der anderen Seite auch die Abstraktion eines Stadtplanes (immer am Anfang der Szenen, sieht man von oben auf das Set mit den Häusern, in deren Mitte der Schriftzug "Elm Street" prangt - sieht wirklich aus wie auf einer Landkarte). Besonders die Durchsichtigkeit erscheint mir angesichts der Tatsache, dass es in dem Film vor allem um moralisches Sein, moralischen Schein und individuelle und kollektive Selbstgerechtigkeit geht, sehr passend.
Der Film bedient sich auch der Stilmittel des Romans. Er ist in Kapitel gegliedert, die im Film mit kurzer Preview eingeblendet werden (so in der Art von engl. 18.Jh. Romanen). Er hat auch - ganz im Gegensatz zu Dramen - einen allwissenden auktorialen Erzähler, der aus dem Off die Handlung erzählt und/oder kommentiert, wobei die Frage seiner moralischen Position (irgendwie sympathisiert er mit allen, er ist nicht neutral, sondern wechselt die Positionen, ohne einen Widerspruch zu entdecken) sehr interessant ist.
Der Film ist auch sehr seltsam (im positiven Sinn) geschnitten, denn in einzelnen Szenen kommt es immer wieder, ohne deutliche Unterbrechungen, zu Sprüngen. Also wie im Roman bekommt man teilweise nur Ausschnitte der Konversation zu hören.
Lars von Trier nennt Brecht als ein Vorbild für "Dogville" und das erkennt man auch in den Figuren, die eine gewisse Künstlichkeit haben. Mir persönlich erscheinen sie für sich genommen realistisch, aber sie interagieren überhaupt nicht miteinander (die oben genannte Schnitttechnik trägt dazu bei). Die SchauspielerInnen tragen das Ihre dazu bei, dass diese unrealistische Figurenführung trotzdem überzeugend für die Gesamtwirkung des Films wirkt (das ganze Ensemble ist hervorragend).
Inhaltlich geht es, wie gesagt, um moralische Ansprüche und ihre Umsetzung (bzw. Nicht-Umsetzung) und den ständigen Versuch, diese zumindest diskursiv in Einklag zu bringen, was niemandem gelingt, sodass man zu guter Letzt mit niemandem sympathisiert, sodass sich auch kein Gefühl des poetischen Gerechtigkeit durch das Ende des Films einstellen mag.
Ein Film zum Nachdenken, zum Diskutieren, kein Unteraltungsfilm.