Der Punkt der Punkte
Henner Löffler schreibt ein «Doderer-ABC»
Wenn der Alkohol fliesst, sind Brachialitäten nicht weit. «Streit und Zank brach aus», präludiert Heimito von Doderer noch die «cholerischen Protuberanzen», doch dann entlädt sich die rohe Gewalt. Dem «Bartriss» folgen diverse «Plombierungen», «arbiträres Dreschen» ist begleitet von allen Formen geschickt placierter Verachtung: «Die Watschen muss ein ihr Objekt umfassender Volltreffer sein, der es gleichsam als Negativ mit allen Einzelheiten abbildet. Eine Watschen ist personumfassend und erledigend.»
Heimito von Doderers Romane sind so umfassend wie ihre lebensnahen Tipps, mit einem Wort: «total». Den Wiener Kosmos hat der 1966 verstorbene österreichische Schriftsteller in seinem epischen Werk en détail beschrieben, und der Versuchung, das Leben zu inventarisieren, hat er auch sonst nicht widerstanden. Über Jahrzehnte entstand sein «Repertorium», ein «Begreifbuch von höheren und niederen Lebens-Sachen», das jetzt würdige Nachfolge gefunden hat. Henner Löfflers «Doderer-ABC» ist ein Begreifbuch in Sachen hoher Kunstfertigkeit, ein Kompendium zu einem ebenso grotesken wie ernsthaften Werk, dessen Wirkung sich immer noch in einer wahrhaft exklusiven Gemeinde entfaltet bei den Heimitisten.
Mit dem Eintrag «Ab ovo» beginnt Henner Löfflers «Lexikon für Heimitisten», und es endet mit dem «Zihalismus», einer Reverenz an den Amtsrat Julius Zihal des Romans «Die erleuchteten Fenster». Der «Zihalismus» ist das «Aufbauen einer in sich schlüssigen Welt ohne wechselhaften Bezug zur Umwelt», der «Primat des Dekors» über den Gehalt. In diesem Sinne ist Doderer selbst stets Zihalist geblieben. Sein Werk entsteht aus jener mitunter abenteuerlichen Authentizität, der auch Henner Löffler mit nicht geringem Vergnügen die Reverenz erweist. So wie sich Doderer die exakten Wetterdaten der von ihm beschriebenen Tage von der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik kommen liess, so führt Löffler mit penibler Gewissenhaftigkeit noch die Satzergebnisse Doderer'scher Tennisspiele an. Auch die Trinkgewohnheiten in den Romanen erfahren in Löfflers Kompendium eine letztgültige Analyse. Sechzehn Mal wird in den «Dämonen» Sodawasser getrunken, in der «Strudlhofstiege» dominiert Cognac («zehn Nennungen bei null für Whisky»).
Den wirklichkeitsbesessenen Wucherungen seines Werkes hat Heimito von Doderer eine schlichte Sehnsucht zugrunde gelegt. Die Romane überwölbt der Dichter am liebsten mit der Idee einer Analogia entis, mit einer idealen Welt, die mit der gleichen Stringenz konstruiert ist wie seine Romane. Einer genaueren Überprüfung hält Heimito von Doderers Theoretisierung des eigenen Werkes nicht stand. «Doderer liebte manchmal zu sehr die Formeln, die ihm die Aussenwelt und die Welt in seinem Kopf erklären konnten.» Und wenn es der österreichische Schriftsteller gar zu arg treibt mit der Rückführung des Seins auf höchste schlichte Grundlagen, dann geht auch Henner Löffler, der aus seinem Kompendium eben keine Apologie gemacht hat, deutlich auf Distanz: «Es handelt sich, ganz respektlos formuliert, um eine Marotte.» Löffler scheut sich nicht, das Banausentum Doderers aufzudecken, mit dem sich dieser anderen Künsten gewidmet hat, und er macht mit grosser Akribie jene Eigenschaften deutlich, in denen sich die wahre Brillanz des Schriftstellers zeigt. Das «fatologische Gewebe», das in jeder Prosa Doderers mit grossem handwerklichem Aufwand und sicherem Blick zur Textur verflochten wird, löst Löfflers Lexikon noch einmal in seine Einzelheiten auf: in Chronologien und Topographien, das Romanpersonal, die «Farben der Romane» oder Doderers philosophische Begrifflichkeit.
Über allem steht dabei die «Apperzeption», ein aktives Begreifen der Welt, das man allerdings für sich selbst gehörig befördern kann. «Der Sexualakt stellt, unter diesem Winkel gesehen, einen der intensivsten Fälle von Apperzeption überhaupt dar», heisst es in einem Aufsatz Doderers. Die erotischen Kindheitsmuster des Schriftstellers ziehen sich durch die Romane, und immer wieder kehrt Doderer mit seinen literarischen Statthaltern zu diesen «Fundamentalia», zum «Punkt der Punkte» zurück. Was dabei herauskommt, ist ein wahrer Katalog gelinder Sexualneurosen: weisslackierte Türen, Frauen, deren «machtvolle Aussage der Natur» sie vor allem in den «oberen Stockwerken» privilegiert: «In der Beletage kam ein monumentaler Stil unvermittelt zum Durchbruche.» Doch auch der Gegensatz zur «Apperzeption» findet in Doderers Werk genügend Beachtung. Als «eingekleidete Apperzeptionsverweigerung», wie Doderer die Dummheit nennt, als Trunksucht oder als jene Wut, von der auch Doderer selbst bisweilen affiziert gewesen sein muss. Seine Begeisterung für zwischenmenschliche Genauigkeit soll bis zur Androhung geführt haben, Adorno einmal eine «Glatzenwatschen» zu versetzen. Diese, so steht es in Doderers «Commentarii», «dient vorwiegend der Dämpfung akademischer Würdenträger».
Henner Löfflers «Doderer-ABC» folgt ähnlich würdigen Inventarisierungen etwa zu den Werken von James Joyce oder Marcel Proust. Da wie dort zieht eine treue Gemeinde durch Werk und Wirkungsstätten. Im Falle von Löfflers Buch allerdings schlägt sich zur ausserordentlichen Fülle der Erkenntnis noch der Gewinn der praktischen Nutzanwendung: Gegen Wutanfälle hilft, laut Doderer, schlichte «Maulschellierung», «in einer Zimmerecke mit dem Gesicht zur Wand Stellung zu nehmen und einen Csárdás zu tanzen» oder «die Zusammenbringung mit einer schönen, geliebten Frau».
Paul Jandl
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2000
Mit unterschwelligem Amüsement und nicht ohne Ironie bespricht Thomas Wirtz diesen Band, dem er so manche neue Erkenntnis zu Heimito von Doderers Werk verdankt. Hat sich doch bisher noch nie jemand die "lustvolle Mühe" gemacht, die Romane des Autors auf Stichworte hin zu untersuchen. So erfährt der Leser, wie häufig in dem Roman "Dämonen" Whiskey bzw. Cognac getrunken wird (16- bzw. 18-mal), wie viele Farbnennungen es in welchem Roman durchschnittlich pro Seite gibt (in der "Strudelhofstiege" sind es beispielsweise 0,49) oder auch, wie viele Personen auftreten und welcher Buchstabe dabei "überproportional" häufig vertreten ist. Nach Ansicht des Rezensenten bringt dieses Lexikon daher so manchen Halt in von Doderers verwirrende Welt. Dieses "vielseitig abseitige Kompendium ist für jeden weiteren Aufenthalt im Dodererland unverzichtbar" lautet sein augenzwinkerndes Fazit.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.