Carolyn Christov-Bakargiev legt in ihrem Brief-Essay etliche Köder für die Neugierigen der Kunstbetriebswelt aus, ergiebig ist die Lektüre jedoch vor allem im Hinblick auf die Themenräume, die sie im Vorfeld der dOCUMENTA (13) anhand inspirierender Fragestellungen skizziert. Der Leser wird als Briefadressat angesprochen (''Mein lieber Freund, ...'') und zum ''Gedankenaustausch'' eingeladen:
Carolyn Christov-Bakargiev befragt die Doppelfigur ''Zusammenbruch und Neubeginn'', die sie einerseits von der Geschichte des Ausstellungsortes abliest und darüber hinaus als elementaren Transformator erkennt, dem sich menschliche Geschichte und Geschichten verdanken. Sie schließt die Frage an, ob Kunst in solchen Szenarien ''heilende und regenerierende Kräfte'' zu mobilisieren vermag. Kunst treibt ja selber immer diesen apokalyptischen (enthüllenden) Prozess von Zusammenbruch und Neustart an, um übermächtig werdende kulturelle Kohärenzen, obsolete Konventionen und Erstarrungen aufzubrechen. Kulturen übersehen meist den Punkt, wo ihre Pragmatik der Weltverbesserung ins Gegenteil umschlägt. Kunst setzt da Zäsuren und ermöglicht Regeneration: indem sie die verloren gegangene Sichtbarkeit der Welt wieder freilegt. Nichts anderes ist ihr Job. Insofern ist sie zuallererst einem völlig unsentimentalen Begriff von Schönheit verpflichtet. Im Deutschen lässt sich das einfach darstellen: das Wort ''schön'' kommt von schauen, lässt sich also schlüssig mit ''sichtbar'' übersetzen, was wiederum mit ''barer Sicht'' zu tun hat. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es das gar nicht, weil jede Weise des Sehens irgendwie gelernt wurde. Als etwas Isolierbares, das sich im Labor untersuchen lässt, gibt es bares oder nacktes Schauen gewiss nicht. Gleichwohl ereignet es sich. Das Schöne, das dabei aufleuchtet, dieser schwer fassbare Mehrwert der Wirklichkeit, scheint das Grundmotiv aller künstlerischen Bewegung zu sein.
Überraschenderweise liegt darin auch die politische Relevanz von Kunst: im Enthüllen unseres Blicks ' dass sich unsere Wahrnehmung im Wirklichen und nicht nur innerhalb eines Modells, einer Ideologie, einer gefaketen Parallelwelt bewegt. Natürlich engagieren sich Künstler auch direkt politisch und ergreifen Partei. Das radikalste Potential von Kunst entfaltet sich jedoch immer, auch in politischen Kontexten, im Freispielen von Schönheit, d.h. von Sichtbarkeit.
Die Autorin spricht von Kunstformen, die uns ''in eine Art kairologischer Zeit'' eintreten lassen. Das könnte bedeuten, Zeit so zu verdrehen, dass sie sich selbst nicht wiedererkennt! Die gemachte, uns bevormundende chronologische Zeit überlisten - das könnte eine oder schlechthin 'die' Strategie der Kunst sein. Zeit ist das elementare Material der Kultur. Aus ihr werden Werte, Zwänge, politische Ideologien, selbst Krankheiten modelliert. Be-dauern wir Lebensumstände, reichern sie also mit Zeitdauer an, werden sie manifest, ''chronisch''. Kunst plädiert hingegen für den Austritt aus der Zeit-Genossenschaft, sie entzieht der Welt das Zeitraster, das ihr die Kultur implantierte. Wenn Kunst imstande ist, die Zeit zu verdrehen und nicht nur die Zeiger der Uhr, kann das radikale Wiedergewinnung von Wirklichkeit bedeuten. Dann kann gelingen, dass wir ''einen Blitz bewohnen'', wie René Char formulierte.
Carolyn Christov-Bakargiev fragt sich, ''ob das Feld der Kunst im 21. Jahrhundert überdauern wird.'' Vielleicht müsste man das Feld einmal ganz ohne Erwartung neu bestellen, seinen Rändern mehr Beachtung schenken, Erträge neu bewerten - etwa den Nutzen der Nutzlosigkeit: das Brachliegen des Feldes, sein Schweigen.
Der sich auf paradoxe Weise zeigende Nutzen der Nutzlosigkeit wartet in einer Welt der Kriege um Ideologien und immer noch um religiöse Wahrheiten jedenfalls noch auf seine Entdeckung. Die Relevanz dieses Kunstfeldes scheint mir für das Jahrhundert und vermutlich darüber hinaus gesichert. Welches andere Feld, welcher soziale Raum, welche kognitive Disziplin sollte sonst den Second Life Bewohnern die Bodenlosigkeit ihrer Gründe ''vor Augen'' führen?
Carolyn Christov-Bakargiev votiert für Geschichtenerzähler und spricht von einem ''experimentellen Ort kollektiven und anonymen Gemurmels'', den sie einrichten will. Kunst als Topos frenetischer Tänze, glossolaler Sprechgesänge, sinnloser Laute - die sich als lose Sinnfiguren erweisen?