Spannend, unterhaltsam, informativ, teils witzig. Oft pfiffig getextet, immer flüssig: Nwaubanis Erstlingsroman habe ich vergnügt fast in einem Rutsch gelesen. Dabei geht es nicht nur um Internet-Spammer, sie werden erst ab der Buchmitte aktiv. Die erste Buchhälfte handelt kurzweilig von den Problemen einer Mittelschichtfamilie in Nigeria, von Teenager-Liebe, Geldsorgen, Korruption und Krankheit. Auch der zweite Teil ist nicht nur eine Beschreibung der Spamwelt. Hier geht es weiter um packende Familien- und Gewissenskonflikte. Lieber ehrlich und bettelarm oder skrupellos und bessergestellt? Nach dem Tod des Vaters muss der Erstgeborene für die Familie sorgen - aber auch mit anrüchigen Mitteln, und gegen den Willen der Mutter? Die Autorin sagte selbst, dass sie keinen Spammer-Roman schreiben wollte, sie suchte lediglich nach einem geeigneten Milieu, um bestimmte Konflikte durchzuspielen.
Schon im ersten Buchteil produziert der Ich-Erzähler einmal Spam: Einen Liebesbrief für seinen Verwandten, mehrfach wiederholt an verschiedene Empfängerinnen, bereits in dem leicht eigentümlichen Englisch, das tatsächlich an Inbox-Logorrhoe vom Niger erinnert. Ich hab's in der Originalsprache Englisch gelesen, ein lässig lakonischer, funkelnder, gut geschliffener Text, köstliches Parlando mit leicht exotischem Tonfall. Das Englisch fiel deutlich leichter als etwa bei Graham Greene oder Hemingway.
Ob das Spammen wirklich so funktioniert wie beschrieben? Die Roman-Opfer aus England oder USA wirken enorm leichtgläubig. Unterhaltsam ist es trotzdem, ebenso wie das großtuerische Gehabe der nigerianischen Spamkönige, die sich Cash Daddy, World Bank oder Pound Sterling nennen und in Jaguaren und Benzen über westafrikanische Schlaglochpisten chauffieren lassen. Möglicherweise sind diese Szenen so realistisch wie ein James-Bond-Film.
Aus Nigeria kenne ich sonst nur die bekannteren Romane von Chinua Achebe. Es gibt ein paar Parallelen zu Nwaubani. So agieren in den Romanen vor allem Mitglieder des Igbo- oder Ibo-Stammes aus dem östlichen Nigeria. Sie sind immer für unterhaltsame Sprichwörter und Metaphern gut - in allen Romanen von Nwaubani oder Achebe. Eine Nachbemerkung in der englischen Phoenix-Ausgabe von "I Do Not Come to You by Chance" legt nahe, dass Nigeria-Spam vor allem von Igbo-Angehörigen kommt. Auch Achebe und Nwaubani wuchsen vor allem in der Igbo-Kultur auf.
Weitere Parallelen zwischen Nwaubani und Achebe:
- Bei Nwaubani wie auch in Achebes "Arrow of God" gibt es einen weißen Engländer namens Winterbottom, der keine rühmliche Rolle spielt (bei Nwaubani fällt er nicht nur Spam, sondern auch einem schadenfrohen Wortspiel zum Opfer)
- Nwaubani wie auch Achebe im gelungenen "No Longer at Ease" schildern trostlos überzeugend anwachsende Geldsorgen, die den zunächst zögerlichen, dann immer routinierteren Rückgriff auf anrüchige Verdienstmöglichkeiten auslösen; in beiden Büchern spielen aber auch teure Statussymbole und Protzerei eine wesentliche Rolle
Die studierte Psychologin und Ex-Redakteurin Nwaubani stammt aus einer akademisch und literarisch hochambitionierten Familie und schuf einen männlichen Ich-Erzähler - vielleicht, weil sie ihre drei Brüder so mag, meint sie, oder um nicht mit dem Ich-Erzähler gleichgesetzt zu werden. Afrikanische Stimmen sagen, dass Nwaubani hier dennoch eigene Erfahrungen verarbeitete - nicht nur in den weiblichen Figuren, sondern vielleicht auch bei den besonderen Problemen des Ich-Erzählers mit der Verantwortung eines erstgeborenen Sohns: Adaobi, der erste Vorname der Verfasserin, bedeutet Erstgeborene.
Nwaubani holte mit "...by Chance" den Commonwealth-Preis für ein Erstlingswerk in Afrika (und setzte sich dabei gegen weitere Nigerianer durch). Sie gilt auch als erste nigerianische Autorin, die aus dem Land selbst heraus auf den Weltbuchmarkt kam; wie sie dafür online nach einem Agenten suchte und von Lektoren gefördert wurde, schildert sie in vielen Interviews. Nwaubani schreibt atmosphärisch dicht, so dass man nach Zuklappen des Buchs fast aus Nigeria zurückzukommen scheint. Ihr Roman wirkt souverän konstruiert, nur ganz gegen Ende meint man ein paar Flüchtigkeiten zu entdecken.