Bei vielen Büchern ist die Summe der Erinnerungen weniger als ein Nach-Satz. Bei diesem bleiben so viele ungewöhnlich, großartige, ungelesene Gedanken bei mir wie ganz selten. Ich liebe Breviere, weil sie einen Querschnitt geben zu einem Thema oder zu einer Person. Djuna Barnes kannte ich nicht. Von ihr wird als der "berühmtesten Unbekannten ihrer Zeit" berichtet und im Nachwort zu Ihren 292 wirklich lesenswerten Aussagen wird ein kurzer Querschnitt ihres Lebens skizziert. Problematische Kindheit, polygamer Vater, Erziehung durch die Großmutter, große Liebe zu einem späteren Nazi (Hanfstaengl), der sie verlässt, um "Kinder mit einer Deutschen zu zeugen", Journalistin, unermüdliche Schreiberin, lesbische Verhältnisse, Alkoholexzesse, Einsamkeit und ohne Alkohol seit 1940 bis zum Lebensende 1982. Ihre wohl bekanntesten Werke: "Das Buch der widerwärtigen Frauen" und "Nachtgewächs". Leider enthält dieses Brevier keine Zitate aus "Nachtgewächs" und "Ryder und Antiphon", weil diese in einem anderen Verlag erschienen.
Djuna Barnes denkt frei und luftig, ungewöhnlich und mutig - eine ganz seltene Mischung, die mir immer wieder sehr, sehr viel Vergnügen bereitet. Man merkt in jedem Satz ein ungewöhlich selbstbestimmtes, sich durch nichts und niemand vereinnehmen lassendes Leben. Ihre Großmutter hatte Kontakt zur Familie Oscar Wildes und auch Djuna Barnes kann m.E. durchaus als Aphoristikerin von der Qualität Wildes angesehen werden. Das Leben schwingt in ihren Aussagen leicht hinaus, sie persifliert menschlich klug und lässt individuellen Raum für Los-Lösungen, für mutmachende Umsetzungen.
Lesen Sie selbst:
Mit einem Späßchen brächten wir dem Menschen gern was bei, aber der Mensch will seine Weisheit gewichtig. Für die große Begegnung würden wir ihn gerne mit einem Lächeln auf den Lippen ausstaffieren. Statt dessen bittet er mit einer Keule niedergestreckt zu werden. Wir hätten es gern, dass er mit einem Lied über die Wupper geht. Er dagegen verlacht uns und geht mit Geknurre unter.
Dass einem jemand zuhört, ist eines der wenigen verbliebenen Aphrodisiaka.
Die Psychoanalyse ist mit Sicherheit keine Methode, sich von sich selbst abzulenken. Du musst über deine Sümpfe plaudern, bis du schwarz bist.
(Loriot tut dies ganz öffentlich und wir denken, das sei Humor)
Ach das Herz einer Frau, dieses verfluchte Organ.
Habe 17 Pfund abgenommen, was hübsch ist für die Figur, aber nicht fürs Gesicht.
Man kann nicht ständig großartig sein.
Was besitzt man am Ende? Den Verlust.
Rache in einer Frau, kennt kein Gesetz, keine Logik, kein Fünkchen Angst oder Konsequenz.
Ich persönliche würde alles geben, was ich habe - außer dem, was es mir gegeben hat - , um wieder in Paris sein zu können, wie es war, und an einem Bistrotisch zu sitzen, der die gußeisernen Beine im Sägemehl der Schneckenkörbe stehen hat, mit dieser schlecht gebügelten, billigen Baumwolltischdeck, die breit über mein bestes Cape fällt.
Im Tod liegt Kraft. Selbst im Gedanken an den Tod. Dies ist fürchterlich und sehr schön.
Vergeude nicht Deine Zeit, mein Freund. Jede Minute verkürzt sich um die Minute, in der wir lieben sollten.