Der 64-jährige Michael Ondaatje ist ein kanadischer Schriftsteller holländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft. Seine Romane bestehen meist aus "Schnappschüssen", von miteinander verbundenen Szenen, dabei ist er in der Welt der Sprache ein uneingeschränkter Profi. Bei uns ist Ondaatje hauptsächlich als Romanautor bekannt, obwohl sein Werk sowohl poetische als auch filmische Werke umfasst. Mit dem Buch "Der englische Patient" wurde Michael Ondaatje berühmt. In dem Buch, wie auch in dem gleichnamigen Film kommen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, vier versehrte Menschen unterschiedlicher Nationalität zusammen, deren Lebenslinien sich ineinander verwickeln und so ein eigenartiges Beziehungsgeflecht entstehen lassen.
Wie im "Englischen Patienten" schlingen sich auch in Divisadero", übersetzt von Melanie Walz,(der seltsame Titel rührt von der Divisadero Street, einer Straße in der Anna in San Francisco eine Zeit lang lebte) die unterschiedlichste Lebenslinien umeinander. Sicher macht dieser Umstand das Buch nicht zu einer leichten Lektüre, aber es lohnt sich alle mal, denn es bereitet dem Leser Sternstunden des Lesens. So findet man im ersten, zweiten oder dritten Teil, die eine oder andere Spur wieder, findet Dinge die sich zueinander fügen, entdeckt den einen oder anderen Widerklang. Das Buch hat natürlich eine Handlung.
Es beginnt in Kalifornien mit Anna, Claire und Cooper wachsen die drei "Geschwister" mit ihrem vermeintlichen Vater auf. Annas Mutter Lydia Mendes stirbt bei der Geburt. Im Krankenhaus stirbt zur gleichen Zeit auch eine andere Frau, die einem kleinen Mädchen namens Claire das Leben schenken konnte. Das sie keine weiteren Angehörigen hat nimmt Annas Vater auch dieses Mädchen mit nach Hause. Über die Mutter wird wenig gesprochen. Dann wird in der Nachbarschaft eines Tages eine ganze Familie bei einem Attentat ausgerottet, nur der kleine Sohn, Cooper, überlebt. Auch Cooper findet nun einen Platz in dieser Patchwork Familie. Der Vater ist ein müder, äußerst schweigsamer, von der täglichen Arbeit abgekämpfter Mann. Zärtlichkeiten sind ihm unbekannt. An einer Stelle des Buches heißt es sinngemäß:"Manchmal nahm uns unser Vater in die Arme, wie das jeder andere Vater auch tut, das geschah bei ihm aber nur, wenn man ihn im 'Niemandsland' zwischen Ermattung und beginnender Schläfrigkeit erwischte." Die verwaisten Figuren versuchen mit ihrem verzweifelten Schicksal, mehr schlecht wie recht, fertig zu werden. Cooper soll Farmer werden, liest lieber Bücher, ist ein sehr schweigsamer Mann weil er Unsicherheit in der Welt der Sprache" verspürt.
Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als sich die sechzehnjährige Anna und Cooper ineinander verlieben. Der Vater kommt hinter die Liebesbeziehung und verprügelt Cooper auf die brutalste Art, jagt ihn anschließend vom Hof. Anna geht dazwischen und verletzt dabei ihren leiblichen Vater mit einer Glasscherbe.
Die außergewöhnliche Familie bricht jetzt auseinander. Ihre Wege trennen sich. Den Vater verlieren wir völlig aus den Augen. Cooper wird Profi-Pokerspieler, Claire bleibt vor Ort bei einem Anwalt. Ihr Weg kreuzt sich später noch einmal mit dem von Cooper. Anna geht nach Südfrankreich. Und dann bricht der amerikanische Erzählstrang plötzlich ab und wir sind nur noch in Südfrankreich, beschäftigt mit den Recherchen Annas über die Lebensgeschichte des Dichters Segura.
Die einst kleine Gemeinschaft von Außenseitern lebt nun in ganz verschiedenen Welten, alle haben eine Kindheit, alle haben Verletzungen, alle Motive und die Ereignisse zeigen, egal ob bei den Waisen, den Spielern oder den Künstlern, dass es im täglichen Leben, in der Familie oder in der Liebe keine wahre Makellosigkeit geben kann. Alles berührt einander und das Buch, die "Kunst" vereint und erzählt davon. Anna sagt an einer Stelle:"Nur in der Kunst finden wir Schutz in einer Welt aus Eisen."
Der Roman ist nicht einfach zu lesen, dafür wird der Leser reich belohnt, weil er viele Rätsel über unser eigenes Leben erklärt findet. Das Buch ist von einer ganz großen Schönheit und Fragilität der Gedanken und der Sprache und dabei geht es, wie fast immer bei diesem Autor, um Gewalt wenn er seine Figuren agieren lässt und ihre Beziehungen entwirft.
Ein wunderbares Buch, rasant geschrieben, in einer Sprache die in dieser Form vielleicht nur Ondaatje beherrscht, in einer Klarheit der Sprache, die geradezu phantastisch ist. Ein grandios literarisches Ereignis, eine Geschichte die einen berührt wie sonst vielleicht nur die Musik es vermag.