Kurzbeschreibung
DIVINUSA (Die Seherin) Mittelalter - 1437. Es ist eine Zeit, zu der neben Gott auch Gespenster und Hexen ihr Unwesen in den Köpfen der Menschen treiben. Mißtrauen, Neid und Aberglaube, nicht zuletzt geschürt durch die Kichenverteter, sind die Geißel der Menschheit. Mittendrin sucht Charis, die Tochter der Wahrsagerin, ihren Weg. Kann sie bei Bardolf, dem Burgherren von Barnheim, die Liebe erfahren, nach der sie sich so sehnt? Ist er Retter oder Teufel in Menschengestalt? Gibt es in dieser Welt auch für sie Gerechtigkeit? Ein paar hundert Jahre später werden zwei Kristalle bei Bauarbeiten gefunden. CLAUDIA, einer Wissenschaftlerin, kommt einiges an den Steinen merkwürdig vor...
Auszug aus Divinusa. Die Seherin von Uwe Hartig. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Juli 1437
Schon seit mehreren Wochen brannte die Sonne unerbittlich auf die Stadt Barnheim. Die eng aneinander gereihten Häuser speicherten die Hitze des Tages in ihren Wänden und sorgten dafür, dass sich ihre Bewohner schlaflos in Betten oder Strohsäcken wälzten. Jeder noch so laue Luftzug wurde begrüßt wie der Vorbote einer sich ankündigenden Abkühlung. Doch alles war vergeblich, der Herbst würde noch einige Zeit auf sich warten lassen.
Eine alte Frau ging gebückt über die staubige Straße. Ihre knotigen Hände umspannten fest einen Stock. Über die Jahre hinweg rieben diese Hände das obere Ende des Stockes blank wie einen Spiegel. Ganz vorn, an der Spitze des Stockes waren unzählige Kerben. Vielleicht war die Alte erst fünfzig Jahre alt, vielleicht auch schon achtzig Jahre. Jugend und Schönheit vergehen schnell beim Stroh flechten und der gebückten Arbeit am Spinnrad. Im Gegensatz zu den übrigen Bewohnern der Stadt trug sie eine dicke Wolljacke. Wenn sie von anderen darauf angesprochen wurde, lachte sie nur und schaute ihr Gegenüber an. >>Wie viele Winter hast du schon erlebt Kindchen? Weißt du wie es ist, wenn die Kälte sich langsam durch deine Kleider frisst, wenn dir dein Atem gefriert und vor dir herabfällt wie ein Stück Eisen. Das letzte Essen wollte man mir vor dreizehn Wintern aus den Händen stehlen, zu meinem Glück war es festgefroren... wie viele Winter hast du schon erlebt Kindchen?>Seht die Hexe rennen, bald wird sie verbrennen.>Komm her Junge, ich kann dich gar nicht sehen.>Du alte Hexe, darauf falle ich nicht rein, du willst mich nur fangen und dann zu den anderen Kindern in deine Hütte sperren. In meinem Schädelknochen willst du dann deine Suppe kochen.>Da hast du Recht, dein Kopf wäre dazu wunderbar geeignet, da ist gar nichts drin und ich hätte viel Platz für meine Suppe!>Wie lange kannst du die Luft anhalten, mein Junge?>Hör mir jetzt gut zu, du wirst zwei Monde Zeit haben, um über deine Bosheit nachzudenken, wenn die Bosheit von dir gewichen ist, wirst du wieder frei sein.>Was hat die Hexe mit dir gemacht, was hat sie dir angetan?>Was soll das denn, ich dachte, aus diesem Alter wärst du schon lange raus, warte nur, ich werde dir das austreiben.>Dummheit, so viel Dummheit...<< Zwei Monde sollten vergehen, bis der Strohsack des Jungen trocken blieb.