Stereoplay
Der dritte Frühling, den Pierre Boulez als frisch gebackener Siebziger im Medium Schallplatte erlebt, schließt mit Béla Bartóks folkoristisch geprägter Seite Werke ein, die nicht unbedingt ins Avantgarde-Bild des Interpreten Boulez fallen. Aber nach dem Orchesterkonzert, das ihm mit dem Chicago Symphony überzeugender geriet als einst bei CBS mit dem New York Philharmonic, gelingt Boulez auch mit dieser CD Beeindruckendes. Daß er nicht ins emotionale Volkstümeln verfällt, zeigt ein Satz wie das "Molto tranquillo" der Tanzsuite. Wo andere Ruhe mit Stillstand verwechseln, hält Boulez - wie einst Ferenc Fricsay - den Puls der Musik lebendig. Aber der Vergleich läßt auch kleinere Schwächen bei Boulez erkennen. Wie man im Finale der Suite das "Commodo" als Staubecken benutzen kann, in das der eigentliche Schlußsatz dann sturzbachähnlich hineinschießt: Das hat Fricsay vor vier Jahrzehnten noch dringlicher vorgeführt. Ähnliches gilt für den Mittelsatz des Divertimento. Man muß das "Molto adagio", wie es Fricsay damals bewies, nicht überdehnen, um die unter der Oberfläche verborgene Katastrophalität zum Ausdruck zu bringen. Boulez verweigert sich solch extremem Espressivo ebenso wie Fricsays Temperamentsausbruch im Finale. Er bleibt auch in Ausnahmesituationen moderat: aber mit welcher Kunst der Orchesterleitung! Weniger glücklich war ich mit der Klangqualität. Ihre Dynamik ist so hoch getrieben, daß es schwer fällt, eine durchgehend geeignete Lautstärke einzustellen. Da wäre ein "Moderato" der musikalischen Seite kongenial gewesen.
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