Es ist schon erstaunlich: Nun ist diese CD schon eine ganze Weile erhältlich und noch immer hat kein amazon-Kunde eine Rezension veröffentlicht. Möglicherweise liegt dies daran, dass beim Hören - im Gegensatz zu den bisherigen DiDonato-Recitals - ein zwiegespaltener Gesamteindruck entsteht. Mich jedenfalls hat die Aufnahme nicht hundertprozentig überzeugen können. Zunächst einmal muss allerdings konstatiert werden, dass die programmatische Zusammenstellung vom Ansatz her sehr interessant ist: So stehen fast alle Stücke in Beziehung zueinander, denn DiDonato stellt bewusst kontrastierende Arien aus denselben Opern oder denselben Stoffen gegenüber, die sie nacheinander singt. Man bekommt also immer beide Seiten einer Geschichte erzählt, sowohl die von Vitellia (Mozart) als auch die von Sesto (Gluck), die des Cherubino und die der Susanna. Mit der neuen CD möchte sie sich aber auch für das französische Repertoire des 19. Jahrhunderts empfehlen. Entsprechend hat DiDonato Arien von Massenet, Gounod, Berlioz, aber auch Bellini und Richard Strauss ausgewählt, um ihr Können zu präsentieren.
Leider gelingt ihr dies nur begrenzt. So fehlt ihr - wie übrigens auch ihrer Kollegin Garanca - für meinen Geschmack das Herbe in der Stimme, um Hosenrollen wirklich glaubhaft interpretieren zu können. Exemplarisch wird dies Manko in Romeos "Ascolta! Se Romeo t'uccise un figlio.... - La tremenda ultrice spada" aus "I Capuleti e Montecchi" deutlich. Hier klingt sie - trotz häufigen Einsatzes der Bruststimme - einfach zu feminin, um wirklich glaubhaft zu sein. Zudem hat sie hörbar Schwierigkeiten, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Der Romeo verlangt einfach mehr Durchschlagskraft und "Stahl" in der Stimme, weshalb ich hier Sängerinnen wie Horne, Kasarova oder Baltsa den Vorzug geben würde. Selbst die Vitellia überzeugt mich nicht: Hier gibt es etliche Soprane, die eine bessere Tiefe haben als DiDonato.
DiDonatos Mezzo ist einfach ideal für Rossini - und dies wird auch auf dieser CD wieder mehr als deutlich. Ihre Cenerentola, aber auch ihre Rosina sind schlichtweg von einem anderen Stern. Schade, dass sich nur zwei Rossini-Stücke auf der Platte befinden, denn für mich persönlich stellt die Amerikanerin so etwas wie Reinkarnation der Colbran dar, deren Stimme der DiDonatos sehr ähnlich gewesen sein muss.
Fazit:
Joyce DiDonato ist ohne Frage eine der großartigsten Sängerinnen unserer Zeit, die mit dem samtigen Glanz ihres Timbres und ihren fulminanten technischen Fähigkeiten Akzente setzt. Dennoch sollte sie noch nicht an zu dramatische Partien und "schwere" Hosenrollen (außerhalb des Barockbereichs) heranwagen.
Ein Album, das deshalb einen leicht indifferenten Eindruck hinterlässt, aber trotzdem eine (etwas eingeschränkte) Kaufempfehlung verdient.