"Das schönste Wort auf der Welt ist Zaudern. Es macht auf dem Blatt nicht viel her, aber gesprochen ist es die Welt."
Um Geschichten zu erzählen, muss man nicht mutig sein, aber es bedarf eines großen (Ausfall-)Schrittes, die Distanz zwischen sich und dem Leser zu überbrücken und eine Seite, eine ganze Geschichte, nicht bloß zu einem Spiegel, sondern auch zu einem Fenster zu machen. Und natürlich sind die größten oder zumindest die schönsten Geschichten die, die beides sind: Nachempfundenes Gefühl und völlig neu erschlossene Landschaft.
"Hören sie das Knattern der Fensterläden? Das Plätschern des Baches? Das Knistern der Äste. Alles ist wie damals. Ton, Duft und Substanz. Ich kann das Fell der alten Töne kraulen, es ist warm."
Patrick Salmen, Poetry Slam Meister, schreibt Gedichte und Prosa. Seine kleinen Geschichten, von denen hier 17 - neben 26 Gedichten, geteilt in eigene Abschnitte - enthalten sind, gehören zu dem ehrlichsten und zugleich erfinderischsten, was ich in letzter Zeit lesen durfte. Hier ist ein Prosakünstler hervorgetreten, der nicht scheut, die Dinge gänzlich, ohne etwas dazwischen, anzufassen, der ein Buch wieder zu einem Buch werden lässt, ein kostbares Ding, dass die unmögliche Verständigung zweier Sinne auf eine magische Weise ermöglicht; vor diesem Phänomen, dass nur ein Fluss von Zeilen und die Fingerspitzen der Wörter ausmachen, stehen wir stets gebannt, aber doch selten so berührt von jeder Nuance, von jeder Wahrheit und jedem Bild, wie hier.
"Die alte Öllampe zittert
ein schwaches Feuer
flackernd, lodernd
zu wenig zum Sehen,
genug zum Träumen"
Die Gedichte sind wieder einen andere Abteilung. Ich habe schon viele Dichter gelesen und Salmen gehört nun nicht zu denn schlechtesten. Und wer noch nie so wirklich sich mit Gedichten beschäftigt hat (und von den Geschichten Salmens noch ganz bezaubert ist), der könnte in seinen Gedichten eine erste tiefe Erfahrung, ein erstes Erstaunen erleben - sie sind ein guter Einstieg in lyrische Weiten.
Jedoch muss man auch sagen, dass seine Prosa seine Lyrik weit überragt, auch weil die Prosa einige lyrische Züge hat, Wort in Wort gesetzte Symbiosen, Zeilen die das lyrische Ich des Lesers und Phänomene zwischen der Zeile und dem Sinn der Wörter beschwören. Wo jede der Geschichten so etwas wie eine Schneekugel ist, ist jedes Gedicht wie eine Schneeflocke - keineswegs unbedeutend, aber nicht so magisch und immer wieder (1-2 Geschichten habe ich schon 3-4 gelesen!) zauberhaft, wie die kargen, melancholischen, bunten, pfeifenden Geschichten. Jedoch, wer weiß, vielleicht gewinnen auch die Gedichte für einige mit dem Wiederlesen.
"Denn die Kunst sind wir
und Bilder nur Spiegel unserer Vorstellung
von Wirklichkeit."
P.S.: Wer noch einen kleinen Wink auf die Inhalte der Geschichten braucht: Es geht in ihnen um das Erfahren. Die Texte sind halbe Märchen, in ihren Randfarben, und im Kern sehr existenzielle Beispiele und Schraffuren des Lebens. Salmen erzählt von persönlichen Erlebnissen und malt sie zu Geschichten; und er erzählt von Menschen und dem, was ihnen zwischen Errungenschaft und Scheitern wichtig oder unwichtig ist. "Er ist sensibel, ohne weich zu sein", so heißt es in einem der Kommentare zu dem Band. Und so erzählt Salmen auch, erforscht, berührt und es entstanden daraus unverbrauchte, berührende Geschichten von den gewöhnlichsten, speziellsten und irgendwie auch letzten Dingen des Lebens.