...so kann man Hip-Hop und Reggae durchaus bezeichnen, denn beide haben ihre Ursprünge in der karibischen/afroamerikanischen Kultur. Doch genug der Geschichtsstunde!
Distant Relatives ist der Titel des neuen Projekts von Damian "Jr.Gong" Marley und Nasir "Nas" Jones. Wer sich jetzt fragt, was der Sohn der Reggae-Legende Bob Marley mit dem Sohn des Jazzmusikers Olu Dara zu tun hat, der sollte sich schleunigst "Road to Zion" von Damians Album 'Welcome to Jamrock' aus dem Jahre 2005 anhören, denn derjenige hat einen der besten Tracks der letzten Jahre verpasst. Wer den Track kennt, dem wird schnell klar, warum die beiden Musiker sich zu einer erneuten Zusammenarbeit entschieden haben - die Beiden harmonieren perfekt miteinander. Aus der Anfangs geplanten EP wurde letzendlich ein ganzes Album.
Doch nun zum Album selbst. Den Anfang macht das grandiose Cover, dass die beiden Interpreten und zwischen ihnen ein Umriss von Afrika zeigt. Allein dafür könnte ich dem Album schon 5 Sterne geben. Weiter geht es mit dem Titel "Distant Relatives", der die Verwandtschaft von Hip-Hop und Reggae nur auf musikalischer Ebene wiederspiegelt. Die eigentliche (lyrische) Botschaft des Albums ist die Verwandtschaft aller Menschen unserer Welt, wie Nas selbst erwähnte. Doch um die Botschaft wirklich verstehen zu können, muss man das Album gehört haben.
Die musikalische Grundlage des Albums kreierten die beiden Interpreten in Zusammenarbeit mit Stephen Marley.
Das Album beginnt mit dem Song "As We Enter", der bereits seit einiger Zeit im Internet seine Runden macht und somit den meisten Fans und einigen anderen (neugierigen) Musikfanatikern bekannt sein dürfte, daher nur ein kurzes Fazit: großartiger Track.
Mit "Tribal War" geht es dann gleich mit afrikanischen Elementen und einem energiegeladenen K'naan richtig zur Sache. Nas und Jr.Gong müssen sich jedoch keinesfalls hinter K'naan verstecken, alle drei glänzen hier mit ihrem lyrischem Können. Der Song zeigt in dramatischer Stimmung wie sich Menschen gegenseitig umbringen und dabei oftmals zum selben "Stamm" gehören. Sehr gut dargestellt durch K'naan's Part, der den "Stammeskrieg" in 5 Schritte unterteilt oder auch Damian Marley der einige Gründe aufzählt ("Over Colors/Over Money, over land, and over oil, and over God/And over Idols, and even lovers") um nur Einige zu zeigen. Und schnell wird einem klar, in welch kranker Gesellschaft wir eigentlich leben. Schön, dramatisch, erschreckend. So kann man dieses Lied beschreiben.
Den nächsten Song kennen vermutlich auch schon einige, weswegen ich hier nicht sehr darauf eingehen werde. "Strong Will Continue" ist einfach nur eine Bombe epischen Ausmaßes. Einer der besten Tracks überhaupt!
"This one's for all the leaders..." ist die Botschaft die uns der Raggamuffin Stephen Marley mit dem Refrain von "Leaders" an den Mann, oder besser gesagt an unsere Leaders bringen will. Hier geht es etwas ruhiger zu als bei den ersten Songs und man kann sich zu diesem wunderbaren Beat einfach nur zurücklehnen und seine Gedanken schweifen lassen. Oder aber man konzentriert sich auf den Text und lauscht was Nas und Damian über unsere "Oberschicht" zu sagen haben und sich Fragen warum man anderen Menschen folgt ("Who do I follow?/Who do I copy?/Look in to the mirror/And it's you I see look at me"). Sehr schöner Track.
Ein schleppend wirkender Beat unterlegt den nächsten Titel: das geniale "Friends". In diesem Lied geht es um wahre Freundschaft. Das Lied fühlt sich an wie ein schwerer Weg, der nur mithilfe wahrer Freunde gegangen werden kann. Wirklich überragende Arbeit. Die beiden Künstler harmonieren einfach perfekt zusammen, so dass man immer noch das Gefühl hat auf der Straße nach Zion zu sein. Wirklich geniale Atmosphäre.
"Count Your Blessings" ist wieder ein heiterer Song, der es versteht den Hörer aufzubauen. Nas zeigt auch hier, dass er ein wahrer Poet der Straße ist "You're wishing/You were sitting/In the top position/Picture perfect/Nothing less cause you deserve it". Damian übernimmt den etwas längeren Refrain und zeigt uns, was er kann "And I've got somewhere to dress for/And I've got no need to stress for/And so I'll always put my best forth/And count my blessings".
Hart geht es mit "Dispear" weiter. Ein genialer Track, der wie eine afrikanische Hymne über Krieg und die damit verbundenen Ängste und Hoffnungen wirkt. Nicht zu letzt trägt der afrikanische Chor im Intro des Songs zu dieser Stimmung bei. Ein Meisterwerk.
In "Land of Promise" wird der verstorbene Reggae-Artist Dennis Brown gesamplet. Heraus kommt ein reggaetypischer Beat, der nicht reggaetypischer sein könnte - chillig. Doch auch hier hat es der Text wieder einmal in sich. Jr.Gong und Nas schwelgen hier in Träumen. Wie wäre ein Amerika in Afrika? Ja richtig gehört. "Johannesburg would be Miami/Somalia like New York". Das hier ist keine (verrückte) Vorstellung im Kopf, nachdem man Marihuana konsumiert hat. Hier wird der Wunsch nach einem geeinten Afrika aufgegriffen, ein Traum der Afrikaner, das "versprochene Land". Die von mir etwas vernachlässigten lyrischen Fähigkeiten von Mr.Jones, finden hier berechtigt Erwähnung "Promise Land no fables/This where the truth's told/Use them two holes/Above your nose/To see the proof yo!". Hier der Beweis, dass der Mann aus Kingsbridge nichts verlernt hat!
In 'In His Own Words' bildet das Instrumental eine Gitarre, wodurch das Lied gleich eine ganz andere Stimmung mit sich bringt. Hier wird für Abwechslung gesorgt. Ein Song, der dank des genialen Refrains von Stephen Marley, durchaus auch für die breite Masse an Hörern geschaffen ist. Doch auch die Botschaft sollte nicht vergessen werden.
Der nächste Track ist eine Klasse für sich. 'Nah Mean' hat ein durchaus seltsames Instrumental, dass irgendwie an ein Kinderlied erinnert, aber dann wieder doch nicht. Ich gebe zu, es kann ziemlich nerven. Achtet man aber auf die Texte, merkt man bald, dass es sich hier um ein geniales Musikstück handelt.....oder auch nicht. Hier ist es echt Geschmacksache. Mehrmals hören!
Mit 'Patience' kommt eine weitere Perle auf uns zu. Ein sehr ergreifender, philosophischer Titel. Ich glaube kaum, dass ich je einen so tiefgründigen/nachdenklichen Song gehört habe. Hierzu will ich nicht zu viel sagen. Jeder muss es mit eigenen Ohren gehört haben. Gesamplet wird 'Sabali' von Mamadou & Mariam. Für diesen Song allein lohnt es sich die Platte zu besorgen!
Unsere Generation ist Inhalt des nächsten Tracks 'My Generation'. Damian und Nas zeigen hier mit der Hilfe von Lil Wayne unserer Generation, dass sie das Zeug dazu haben eine Veränderung zu bewirken. R&B Sängerin Joss Stone singt hier mit Unterstützung eines Kinderchors den Refrain und vermittelt das Gefühl, dass wir alle Zusammengehören. Die drei Hauptinterpreten stehen sich in Nichts nach und verbreiten wahre Botschaften. So heißt es laut Nas 'Education is real power', während Jr.Gong der Ansicht ist dass wir trotz Wirtschaftskrise eine Veränderung herbeiführen können 'Because we rising up despite of the economy' und Lil Wayne ruft zum Zusammenzuhalten auf 'If we all come together/Then they can't divide one/Don't worry 'bout it/Just be about it'.
Den Schluss macht das emotionale 'Africa Must Wake Up'. In erster Linie scheint das Lied nur für Afrika und seine Bevölkerung bestimmt zu sein. Jedoch sprechen die drei Künstler, K'naan wieder mit im Boot (diesmal auf Somali (?)), die komplette Menschheit an und stellen klar, dass wir alle miteinander Verwandt sind. Schöner könnte ein Abschluss nicht sein.
Die musikalische Untermalung trotz nur so vor Abwechslungsreichtum, sei es ein eher hip-hop-angehauchter Track ('As We Enter'), ein Reggae Song ('Land of Promise') oder ein exotischer Track ('Tribal War'), dieses Album hat es. Die Botschaft, die hier rübergebracht wird, betrifft jeden Menschen. Sie ist sehr kritisch verpackt und regt zum Nachdenken an, auf das es der Letzte endlich verstanden habe, wo es mit uns hingeht, wenn wir so weitermachen.
Dieses Album ist Musik für die Welt. Deswegen ist es für mich musikalisch als auch lyrisch gesehen DAS Album überhaupt.