Vermehrt seit Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie ist es Sitte geworden, zu jedem größeren bis mittelgroßen Film ein Design-Buch auf den Markt zu bringen, welches dann hochtrabende Titel trägt wie etwa "The Art of..." oder "Die Erschaffung eines Filmkunstwerks". Diese von mir liebevoll "Beweihräucherungsbücher" genannten Titel haben meist die Aufgabe, nochmals in schönen Worten zu loben, welch toller Film dies nun ist, wie überaus glücklich alle Beteiligten damit sind, wie sehr man sich beim Dreh gut verstanden hat, und enden meistens mit einem Satz à la "It was the experience of my lifetime!".
Solch ein Werk nun auch zu Alice im Wunderland, dem jüngsten Epos aus der Hand von Tim Burton.
Erwartet hatte ich das Übliche. Jede Menge Abbildungen von Storyboards, Konzeptzeichnungen, Gliederung in "Orte", "Requisiten", "Kostüme" und dazwischen immer wieder den Film lobender Text.
Prinzipiell ist all das auch enthalten, und doch ist dieser "Visual Companion" irgendwie auf eine Weise anders, die ihn abhebt vom "Art of"-Einheitsbrei. Wie genau das vollbracht wird kann ich gar nicht sagen; es mag aber zum Einen am Gesamtkonzept liegen, welches wunderschön die Stimmung von "Alice in Wonderland" einfängt: Düster, fast schon Gothic, und trotzdem quietschebunt.
Schon der Umschlag ist grandios geworden. Vorne Alice und hinten der Hutmacher, doch auf der *Innenseite* findet man, so man denn auch mal den Umschlag abmacht und quasi hinter die Dinge guckt, eine Abbildung des "Oraculums", der Schriftolle aus dem Film.
Im Buchteil dann überwiegend Fotos, und zwar nicht die althergebrachten, tausend Mal gesehenen Promobilder; auch keine wahllosen Storyboards oder verschwommene Bilder des 3. Kameramannes hinten links, sondern schöne, klare, große Konzeptfotos und Bilder hinter den Kulissen, die die Stimmung am Dreh gut einfangen. Man kann sich beim Betrachten gut vorstellen, wie es gewesen sein muss, in einem grünen Anzug mit schwarzen Punkten drauf herumzuhüpfen und ein Blechgestell für ein Pferd halten zu müssen; man bekommt Einblick in die Konstruktion mancher Szenen; man sieht Tim Burton und Helena Bonham-Carter in einer Drehpause mit Softair-Pistolen jede Menge Spaß haben oder Kostümdesignerin Colleen Atwood an Alice' Kleiderrüsche herumzupfen.
Gezeigt werden auch Zeichnungen, vor allem vom Tim Burton, die allein deswegen schon Unterhaltungswert haben, weil sich der schräge Stil des Regisseurs darin wiederspiegelt; aber auch von Johnny Depp oder Anne Hathaway, die sich Gedanken um ihre Charaktere gemacht haben. Angereichert ist das alles durch einen zwar knappen, aber gehaltvollen Textteil, der interessante Hintergrundinfos ebenso wie witzige Zitate oder Anekdoten liefert; sich aber dankenswerterweise nicht in Plattitüden und Lobhudeleien ergeht. Das ein oder andere anerkennende Wort eines Schauspielers über eine/n Kollegen/in sei genehmigt; alles in allem hat man hier aber nie das Gefühl, ein Alice im Wunderland-Propagandabuch in Händen zu halten.
Wer einfach nur ein "Buch zum Film" in dem Sinne sucht, dass der Film auf Papier wiedergegeben werden soll, der ist hier falsch. Wer aber eine Flut atemberaubenden Bildmaterials aus der Welt der Alice und des Tim Burton sehen und die Produktion "Alice in Wonderland" mal von hinter dem Spiegel aus betrachten möchte, dem kann ich dieses edle, hochwertige und durchgehend hohe Standards einhaltende Buchjuwel nur wärmstens empfehlen. Eine willkommene Ergänzung und Abwechslung in jeder Sammlung von "Art of..."-Beweihräucherungsbüchern.