Meine Motivationskurve bei diesem Spiel:
0. - 1. Stunde: "Ist das zäh und langweilig. Ich glaube, ich muss gleich ein für alle mal den Controller weglegen."
2. - 11. Stunde: "Das Teil macht erstaunlich viel Laune und offensichtlich eine Menge richtig."
12. - 15. Stunde: "Hört das Spiel eigentlich auch mal wieder auf ? Nicht schon wieder ! Mann, ich will nicht mehr..."
Aber der Reihe nach: Ist Epic Mickey ( oder "Epic Micky", wies der Deutsche gewohnt ist ) was für kleine Kinder ?
Kurze, aber eindeutige Antwort: Nein.
Das hat nicht mal was mit dem relativ düsteren Setting zu tun und der Tatsache, dass Mickey ( ich bleib beim Original ) u.a. das Herz mit so lustigen Spielsachen wie einer Kettensäge ( und das ist kein Witz ) entfernt werden soll, sondern mit dem Schwierigkeitsgrad.
Dieser ist relativ schlecht ausbalanciert: Total simple, hirnrissige Aufgaben, wie z.B. "gehe aus dem Haus und bringe dem Bewohner, der gegenüber wohnt, etwas vorbei" wechseln sich ab mit Aufgaben, bei denen man einen kleinen Gegenstand in einem riesigen Areal sucht und den man dann nach einer Stunde irgendwo in einem dunklen Winkel hinter irgendeiner Mauer zufällig findet. Andere Rätsel wie z.B. das, bei dem man irgendwelche Säulen durch irgendeinen Mechanismus in irgendeiner Reihenfolge drehen muss, um zerstückelte Bildteile wieder zusammenzuführen, habe ich selbst nach dem Durchspielen immer noch nicht verstanden. Gott sei Dank gibt es bei Epic Mickey an bestimmten Stellen "Helferlein" ( Nein, nicht das von Daniel Düsentrieb ), die solch unangenehme Aufgaben für einen lösen. Allerdings müssen diese Helferlein auch erst mal gefunden werden. Sonst muss man sich selbst durchbeißen ( was - wie erwähnt - nicht immer wirklich leicht ist ).
Darüber hinaus gibt es Stellen im Spiel, an denen sich sehr viele Gegner tummeln, man diese mühevoll beseitigt, nur um nach etlichen Minuten den virtuellen Löffel abzugeben und alles nochmal von vorne erledigen muss. Die Auswahl der Checkpoints wurde also ebenfalls nicht immer ideal gewählt. Vor allem zum Ende hin wirds öfter mal unnötig nervig.
Prinzipiell sollte die Kameraführung zwar nicht zum Schwierigkeitsgrad eines Spieles zählen, bei manchen Games tut sie dies jedoch. Zu Brutalo-Titeln wie Ninja Gaiden reiht sich nun auch Epic Mickey hinzu. Allzu oft springt die Kamera gerade bei Kämpfen in wenig übersichtlichen, kleinen Arealen in eine mehr als ungünstige Perspektive. Zur mangelnden Übersicht kommt dann noch das Steuerungsproblem hinzu, da die Steuerungsrichtungen von der Perspektive abhängig sind. In weiteren Arealen lässt sich die Kamera bei Bedarf wunderbar mit dem Digi-Kreuz manuell ausrichten. Nur ärgerlich, dass dies genau an den Stellen im Spiel nicht möglich ist, an denen es mal wirklich sinnvoll wär. In vielen kniffligen Bereichen wird die Kamera nämlich fixiert und lässt sich dann nicht mehr drehen.
Hat man die erste Stunde des Spiels überstanden - in der man alle paar Sekunden durch irgendeinen Hinweis unterbrochen wird und man schon fast zu beten anfängen möchte, man solle doch endlich mal in Ruhe spielen dürfen - entwickelt Epic Mickey eine erstaunliche Dynamik, die jedenfalls mich für einige Stunden fesseln konnte: Es gibt in den meisten Levels einiges zu entdecken, das Jump n Run Spielprinzip wird durch eine Art Quest-System aufgelockert, das Gestalten der Umwelt durch Farbpinsel und Verdünner ist in 99% der Fälle unnütz und unnötig, macht aber trotzdem Spaß und allein so Geschichten wie die Tatsache, dass man Feinde zu Verbündeten machen kann, die dann wiederum andere Feinde angreifen, sind schon wirklich nett gemacht. Sowohl von der Spielmechanik als auch vom Setting her hat mich Epic Mickey mehr als einmal an das grandiose Rayman 2 erinnert. Wenn dann auch noch Piraten vorkommen ...
Gestört hat mich allerdings, dass Epic Mickey zu düster geworden ist. Dunkle Labors, giftige Sümpfe, verlassene Rummelplätze ... wie gerne möchte man mit dieser Maus einfach mal über grüne Wiesen, durch stimmungsvolle Wälder, Seenlandschaften im Abendrot, eine lebendig, freundliche Stadt und was weiß ich nicht alles laufen. Stattdessen ist ein Level dunkler als das andere. An fast jedem Ort gibt es irgendein kaputtes Rohr zu flicken, ein Ventil zuzudrehen oder einen Stromkasten zu reparieren. Wer zu Beginn des Spiels im 2D-Level mit der Wunderbohne glaubt, dass Epic Mickey später mehr davon zu bieten hat( nämlich saftige Vegetation und einen blauen Himmel ), der sollte lieber ganz schnell die Konsole ausmachen. Apropo 2D-Level: Dieser nette Zeitvertreib zwischen den eigentlichen Levels ist meiner Meinung nach ziemlich fies. Fies deshalb, weil ich sie meist witziger, innovativer und liebevoller als den restlichen, großen Teil des Spiels fand. Umgekehrt wäre es mir also lieber gewesen: Fokus auf 2D-Levels und von mir aus den einen oder anderen 3D-Level als Bonus dazwischen.
Für Sammelwütige gibt es in Epic Mickey diverse Skizzen, Filmrollen, Pins und haste nicht gesehen zu sammeln. Bis auf zwei Ausnahmen interessiert das aber alles nicht wirklich: Während des Spiels lassen sich zwei original Walt Disney Cartoons freispielen: Einen mit Mickey Mouse und einen mit Oswald. Und diese sind sowas von genial - absolut witzig. Da pfeiff ich auf die vielen, freispielbaren Zwischensequenzen, wenn doch nur mehr davon integriert worden wären. Schade, schade ...
Gegen Ende wird Epic Mickey nochmal richtig fad. Das Spiel wird künstlich in die Länge gezogen, die Aufgaben wiederholen sich ständig und man hat einfach keine Lust mehr irgendein Rohr oder einen Generator zu flicken und einen weiteren, dampfenden, grünen Sumpf zu sehen. Kleinere Zwischensequenzen müssen durch einen unglücklich gewählten Checkpoint wieder und wieder angekuckt werden, Kamerafehler häufen sich, Gegner treten zu massig auf, und und und ...
Die dadurch beachtliche Spielzeit von gut 15 Stunden kann ich am Ende nicht mehr positiv sehen. In diesem Fall hätte man Epic Mickey straffen können. Dann hätte es problemlos zu 4 Sternen gereicht. So überwiegt am Ende aber der Eindruck, dass Epic Mickey zwar insgesamt Spaß gemacht hat, allerdings schon auch nervig war. Da greift das Ende in fast schon gekonnter Weise den Anfang wieder auf ...
Aus grafischer Sicht will ich zu Epic Mickey nicht viel schreiben. Es sieht alles recht nett aus. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Viele Texturen sind wirklich schwach, allerdings ist das Spiel so designt, dass das alles nicht sofort negativ ins Auge springt. Um an dieser Stelle nochmal auf Rayman 2 zurückzukommen: Ich würde behaupten, dass dieses mittelweile 10 Jahre alte Spiel damals auf dem Dreamcast nicht schlechter ausgesehen hat. Dadurch wird die Grafik von Epic Mickey nicht schlechter, 2010 ist man aber unter Umständen einfach anderes gewohnt ...