Die etwas andere Genealogie
Oma Duck ist die Großmutter von Donald, Gustav und Dussel und somit die Urgroßmutter von Tick, Trick und Track. Soviel als Einstieg in eine der abenteuerlichsten und spekulativsten Genealogien der Literaturgeschichte. Denn der Duck-Clan ist trotz aller Fiktion nicht weniger präsent oder lebendig als die Adelsgeschlechter mitteleuropäischer Dynastien. Und auch die auf den ersten Blick so vage Sicherheit bei der Abstammungsfolge ist mit denen realer Sippen vergleichbar. Kuckuckseier im Nest und uneheliche Kinder gehören trotz aller Sittlichkeit zur Familientradition, und das nicht erst der Moderne. In Entenhausen ist ja bekanntermaßen die tatsächliche Nachkommenschaft verbrämt auf die Onkelogie abgelegt worden, nichtsdestotrotz haben alle Enten und Gänse Väter und Mütter.
Einen sehr übersichtlichen und anschaulichen Stammbaum hat Großmeister Don Rosa erschaffen, der ja vor allen Dingen in der Genealogie Onkel Dagoberts mit den entsprechenden Geschichten Maßstäbe gesetzt hat. Auch ein Barksscher Stammbaum ist diesem satten und prallen Meisterwerk beigelegt, doch recht schnell merkt man, dass man mit Barks ursprünglicher Familienidee nicht weit kommen kann. Weiter helfen kann schon das lockere, dennoch nicht minder anspruchsvolle und hilfreiche Vorwort von xxx, der in die Problematik der unterschiedlichen Stammbäume einführt und die Essenz einer Familienlinie, die sich aus sich selbst, aus Fiktion und tausenden verschiedender Zeichenväter generiert, darlegt, die da nur lauten kann: Erlaubt ist, was gefällt und was, zumindest im Rahmen, als sinnvoll erachtet wird.
So viel zum wissenschaftlichen Teil der Chronologie. Der unterhaltende in Form von Comics nimmt natürlich den Großteil dieses Buches ein, das nicht nur äußerlich edel und anregend daherkommt. Über fünfzig Geschichten von 1937 bis in die Jetztzeit mit Autoren und Zeichnern jeder Klasse und Couleur warten auf de Interessierten. Selten hat man eine dermaßen beherzte und abwechslungsreiche Auswahl an Geschichten gesehen. Klassische und moderne Stile geben einander die Klinke in die Hand. Abseits der Familienbande werden so Einstellungen und Wahrnehmungsweisen der jeweiligen Zeit, als diese Storys entworfen wurden, sichtbar. Nicht nur die Leser, auch die Macher und ihre Konzepte haben sich entwickelt; besonders gut in der ersten Geschichte der drei Neffen Tick, Trick und Track aus den 1930er Jahren zu sehen, die als einseitiger Strip nahe legen lassen, dass es sich hier um kleine Rabauken handelte, die erst in den 1970er Jahren zu hilfsbereiten Pfadfindern werden.
Für die wichtigsten Familienmitglieder (Dussel, Dagobert, Daisy, Primus) werden an manchen Stellen einleitende und erklärende Fließtexte eingeschoben, allerdings ohne Ausschweifung, maximal zwei Seiten sind dafür zu veranschlagen, so dass der Comicspaß niemals zu kurz kommt, man aber dennoch als Gefühl hat, hier umfassend informiert zu sein. Denn neben der Freude über diese grandiosen, häufig witzigen, manchmal unheimlich spannenden Geschichten, gesellt sich eben dieses Gefühl des Anspruchs, mehr zu erfahren über eine Chronik, die zwar fiktiv, aber deshalb nicht minder wichtig und notwendig ist.
Im Zentrum aller Geschichten steht natürlich auch die Familiarität. Unbekannte Verwandte werden eingeführt, Abstammungslinien (gerne häufig mit und von Primus von Quack, dem einzigen Studierten) erörtert oder lange vermisste Cousins gesucht. Oberste Referenz, an die sich logischerweise nicht alle Autoren halten konnten (vor allen Dingen weil sie schon teilweise viel älter sind) ist aber meines Erachtens Rosas Stammbaum, der folgende interessante Überlegungen enthält: Oma Duck ist hier nämlich nicht die liebenswerte Schwester Dagoberts, sie steht, nimmt man Rosas Stammbaum als Grundmatrize, zu ihm in gar keinem verwandtschaftlichen Verhältnis, dafür aber stammt sie in direkter Linie von Entenhausens Stadtgründer Emil Erpel ab, ist gar seine Enkelin. Ihre drei eigenen Kinder brachten dann Donald, Gustav und Dussel hervor; die dann also Ur-Ur-Enkel des Stadtgründers sind. Und allein das ist eine mehr als spannende Tatsache; wer viel, viel mehr davon wissen möchte, sollte dieses uneingeschränkt empfehlenswerte Buch zur Hand nehmen.