"For woman is not undeveloped man,
But diverse: could we make her as the man,
Sweet Love were slain: his dearest bond is this,
Not like to like, but like in difference.
Yet in the long years liker must they grow;
The man be more of woman, she of man;"
(Alfred Lord Tennyson, 1847; The Princess VII. 259-264)
Wenn Bolz einen Anti-Rousseau schreibt, scheint es zuvor wichtig, Rousseau zu kennen. "Emile" und auch "Der Gesellschaftsvertrag" sind bekannte Werke. Im Zentrum von Rousseaus Ideen steht ein Freiheitsverständnis, welches Freiheit als Wesensbestimmung des Menschen definiert. Freiheit dient der Rechtfertigung, Freiheit ist die Grundlage der politischen Ordnung und Freiheit ist unveräußerlich. Für Rousseau ist Freiheit mehr als Handlungsfreiheit, sie definiert Anspruch auf materielle Selbstbestimmung, auf Selbstherrschaft. Voraussetzung ist, dass alle Bürger gleichermaßen die Macht besitzen und einmütig sich selbst die Gesetze geben. So wird die 'volonte generale' immer zum Willen jedes einzelnen. Damit ist legitime Herrschaft vollständige Demokratie, unfehlbar und absolut, wohl wissend, dass die Tugend der Teilnehmer über die Qualität des Vertragswerks bestimmt. Rousseau oszilliert so zwischen der natürlichen Freiheit und der Gleichheit in der Gemeinschaft, die nicht mehr bedeutet, als die Auslöschung des Selbst. Soweit zu Rousseau.
Aus dieser Exegese folgt für Bolz der Diskurs über die Ungleichheit. Seine Thesen in Anti-Stimmung zu Rousseau bestimmen das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit unter dem Aspekt der Zeit. Es gibt gute Gründe, Freiheit und Gleichheit gleichberechtigt zur Maxime einer Zielerreichung zu machen. So wie Gleichgesinnte im Ziel, jedoch Gegensätze in der Sache, Allianzen bilden, so sieht auch Bolz dieses Paar als Freunde auf Zeit. Denn nach der Erreichung des Ziels gibt es gleich gute Gründe zur Trennung. Damit scheinen Freiheit und Gleichheit politisch Verbündete zu sein. Auch wenn Rousseau noch die Massendemokratie zum Wohle aller postulierte, heißt Demokratie dennoch, mit vergleichenden Blicken auf den anderen zu leben. Blickt man tiefer in diese Differenz, zwingt die Vernunft schon dazu, Vorteile in der Differenz zu sehen. Auch Glück ist nicht mehr, als eine Antipode zum Unglück und damit definiert eine Differenz zu etwas anderem Glück. Will man die gewünschte Rousseausche Sichtweise retten, unterscheidet man zwischen Respekt im Umgang und der Gleichheit im Handeln bzw. Behandeln. Denn, so wird es jeder wissen, ist es gerade die Ungleichheit, die differenziert und Anlass für Anerkennung und Lob ist. Daraus kann man folgern, dass Gleichheit eine Utopie ist und Gleichbehandlung, z.B. vor dem Gesetz, diese zu ersetzen hat. Denn diese Gleichbehandlung schließt nicht Ungleichheit an sich aus, wohl aber Willkür.
Bolz setzt auf die alte Theorie von Tocqueville: Gleichheit gefährdet Freiheit. Nun kann man meinen, Bolz will einen alten Diskurs von vor 200 Jahren akademisch durchspielen. Weit gefehlt, wenn man nicht auf die Beobachtung aktueller politischer wie sozialer Diskussionen verzichtet. Bolz ist somit aktuell. Er nimmt Tocqueville in den Ring (der ja behauptete, vom Blickpunkt Gottes aus zu analysieren). Tocqueville sieht in seiner Theorie aus dem Prinzip der Gleichheit die Größe der Gerechtigkeit wachsen. Diese will er retten als das neue Gute. Und damit ist für Bolz der Text über die "Demokratie in Amerika" von aktueller Bedeutung. Bedeutsam daran ist, dass die Freiheit geliebt wird, aber nicht wesentliches Ziel der Wünsche ist. Man mag sie opfern wollen zu Gunsten der Gleichheit. Warum? Weil die Gefahr besteht, einer Ungleichheit in Freiheit die Gleichheit in der Knechtschaft vorzuziehen.
Dass sich Freiheit und Gleichheit im Zeitalter einer friedlichen Demokratie nicht mögen müssen, ist nun die bravouröse Analyse eines Norbert Bolz. Er entlarvt die natürliche Ungleichheit als Skandal, nicht ohne Ironie. Er sieht das Geschlechterverhältnis in dem alten wie neuen Feminismus fernab jeder Vernunft sich neu zu präsentieren. Ihm fallen die aufklärungsfeindlichen Minimierungen der Medien auf, die nicht mehr als ein Egalitarismus der Menschen sind. Selbst die Sorge des Kapitalismus im Verhältnis zum vermeintlichen Raub findet späte Berechtigung, die immer zum Wohl aller gereicht, allerdings in Anerkenntnis der Differenzen.
Ein Hoffnungsschimmer am Ende? Differenznotwendigkeit erfordert Gerechtigkeit, denn die Gleichheit der Menschen ist eine Abstraktion. Sobald Kausalitäten hinzukommen, wird Leben zum Schachspiel. Im Zug der Züge verändern sich die subjektiven Wichtigkeiten. Jeder hat somit gleiche Chancen, ungleich zu werden. Dieses ist keine Ironie, es ist die Bestimmung des Selbst. Die heutige Gesellschaft muss auf die Gleichstellung aller achten, allerdings nicht auf Ergebnisgleichheit, sondern auf Chancengleichheit. Dieses heißt im Klartext, dass es für mache keine Chancen gibt. Denn bei aller Liebe für ein weltumspannendes Wissenshirn, ist es der Intellekt, der Wissen in vernünftiges Handeln wandelt. Nicht Geld und Macht bestimmen die Differenz der Zukunft, es sind die kognitiven Fähigkeiten, die Jugendliche auf besondere Karrierepfade weisen, die "in der Formation einer kognitiven Elite enden". Sie erfahren Unterstützung durch das Megabrain Internet, sie bleiben unter sich, in dem was sie interessiert und in dem, was sie verachten. (education is a powerful divider and classifier, Herrnstein 1971)
Gleichheit, nüchtern betrachtet, kann somit nur Teilnahmemöglichkeit an allen sozialen Systemen sein. "Wer alle integrieren will, muss auf Gleichheit verzichten." Wer ausschließlich auf Gleichheit fixiert ist, ist nicht zufrieden mit dem was er hat, sondern bemisst seine Lebenszufriedenheit an dem, was anderen zur Verfügung steht. Da mögen die Plutarch, Seneca, Epikur Leser aufschreien und feststellen, dass dieses nicht mehr als eine Anleitung zum Unglücklichsein ist. So mag für alle Zeiten nicht das Extreme, sondern die Mitte zählen: "Die Gerechtigkeit ist also eine Mitte, [...], weil sie die Mitte schafft. Die Ungerechtigkeit dagegen schafft die Extreme." (Aristoteles) Zwischen Gleichheit und Freiheit wird Gerechtigkeit walten, so sagen die alten Schriften, doch gibt es diese in der modernen Welt? Gerechtigkeit als Perfektionsformel hat eigentlich ausgedient. Wenn zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden ist, mag die subjektive Welt sich stark einmischen. Daher ist Rechtssicherheit als konstruktives Gewebe, welches im Hintergrund aller Handelnden sich unsichtbar bildet, gleichzeitig stabilisierendes Element einer offenen modernen und demokratischen Gesellschaft.
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