Dishonored ist das Gemälde unter den Spielen. Eine Sinfonie. Nein wirklich, dieses Spiel ist etwas ganz besonderes, es gehört der aussterbenden Sorte von Spielen an, die für sich stehen, die eine eigene, lebendige, durchdachte Spielwelt haben, in der man, geführt vom Handlungsstrang, genügend Spielraum für freies Erkunden hat. In dem jedes Spielelement einen Sinn ergibt. In dem Handlung und Gameplay eng miteinander verwoben sind. Das bewährte Spielelemente nicht einfach kopiert sondern zu einem eigenständigen Konzept weiterentwickelt.
Doch beginnen wir von vorn. Beginnen wir mit dem tragischen Attentat auf die Kaiserin und der Entführung ihrer Tochter, der Thronerbin. Wir werden unmittelbar Zeuge dieser Tragödie, die wir vergeblich zu verhindern versuchen, und werden als willkommener Sündenbock zum Schuldigen erklärt durch die nun nachrückende Machtelite. Doch uns gelingt die Flucht aus dem Gefängnis, unterstützt von Helfern, die sich uns bald als die Kaisertreuen vorstellen, und die mit unserer Hilfe das Kaisertum mit der rechtmäßigen Thronerbin wiederherstellen wollen.
Dazu werden wir auf diverse Missionen geschickt, in denen es in erster Linie darum geht, Personen zu retten, auszuschalten oder zu entführen. Wie wir das anstellen, ergibt sich im Laufe der Mission durch unser Vorgehen. Wir können uns straight zum Ziel vorarbeiten, unseren Job erledigen und wieder untertauchen - oder aber wir erkunden das Gebiet und finden alternative Wege und Möglichkeiten, häufig sogar bekommen wir die Möglichkeit, Kontakte mit bis dato unerwähnten Personen zu knüpfen, die für Gefälligkeiten ihre Unterstützung garantieren.
Es steht uns offen, entweder im Verborgenen zu agieren oder aber offensiv alles niederzumetzeln, was uns von der Zielperson trennt. Dazu steht uns zum einen konventionelles Waffenarsenal zur Verfügung, zum anderen übermenschliche Fähigkeiten wie teleportieren, Zeit anhalten, das Kontrollieren von Lebewesen und anderes mehr. Waffen wie Magie werden auf die linke Hand gelegt, während die andere unveränderlich unser Hauptwerkzeug, den Dolch, umklammert hält. Um die magischen Fähigkeiten zu erlangen, benötigen wir Runen, die in den Level verborgen sind und auf unsere Entdeckung warten. Als dritte Säule unserer Fähigkeiten können wir ebenfalls sog. Knochenartefakte aufstöbern, die passive Fähigkeiten ein wenig aufbessern.
Die Spielhandlung hält einige Überraschungen bereit, und es bereitet besonderen Spaß, Personen und Nebenmissionen im Alleingang zu entdecken, daher sei zum Spielablauf nichts weiter verraten. Stattdessen nun einige Worte zu Spielwelt, Gameplay und Technik.
Die Geschehnisse sind angesiedelt in einer Parallelwelt zur Zeit der Industrialisierung. Altertümliche Bauten und dekadente Aristokratie bestehen neben Elektrizität und metallischen Fahrzeugen. Hauptproblem der Stadt sind Ratten, die eine unbekannte Seuche in der Stadt verbreiten, welche Menschen zu willenlosen, tierhaften Geschöpfen macht. Und es wird mit extremen Mitteln dagegen vorgegangen. Interessanterweise hat das eigene Vorgehen Auswirkungen auf das Aufkommen von Ratten und Erkrankten, sog "Weinern". Je mehr Leichen den eigenen Weg pflastern, umso schlimmer ist die Stadt von beidem betroffen. Neben der Abschlußbewertung und dem möglichen Spielende ein weiterer Anreiz, diskret vorzugehen.
Allgemein wird man ungewöhnlich eindringlich in die Verantwortung genommen. Das Überleben von Zielpersonen bestimmt den Spielverlauf zum Teil erheblich. Und ich erinnere mich gut, als ich zu Beginn einen Wachmann meuchelte und anschließend von der Stadtwache gestellt wurde mit den Worten: "du hast gerade eine Frau zur Witwe gemacht, du Schwein!". Diese unerwartete Moralkeule hatte gesessen. So wollte ich mein Spiel nicht gestalten, als Witwenmacher. Ich bin kein Freund von schleichen. Mag's laut und aggressiv. Aber dieses Spiel drängt einen dazu, mit Vorsicht zu agieren. Und die klug gestalteten magischen Fähigkeiten lassen ein kreatives spielen entstehen, das irgendwann jede tödliche Aktion sinnlos und langweilig erscheinen läßt. Großes Lob dafür.
Technisch kommt es ein wenig altbacken daher, zumindest wenn man die falschen Maßstäbe ansetzt. Denn es ging den Gestaltern ganz offensichtlich nicht um eine fotorealistische Nachbildung der Realität, sondern um eine künstlerische Ausgestaltung, die stark an die malerischen Comics erinnert, wie man sie vor allem aus der französischen Comic-Szene kennt.
Die Spielwelt ist zudem äußerst lebendig gestaltet. Es herrscht Betrieb auf den Straßen, die Menschen unterhalten sich (und geben dabei manchmal nützliche Informationen preis) und verhalten sich weitgehend authentisch. Die akustische Ausgestaltung ist gelungen und trägt die Atmosphäre wesentlich mit.
Im Überblick gibt's einfach absolut nichts zu beanstanden. Ein Spiel wie aus einem Guss, ohne Spannungseinbrüche, ohne unnötige Laufwege, in jeder Hinsicht originell und herausragend. Insgesamt habe ich rund 13 Stunden an Spielzeit darauf verwendet, was im Vergleich zu den meisten Veröffentlichungen der Gegenwart ebenfalls sehr positiv zu bewerten ist. Und mir ist in der ganzen Zeit kein Bug untergekommen, angesichts der halboffenen Spielwelt ebenfalls sehr löblich und nicht selbstverständlich.
Und so sehe ich keinen Anlaß, weniger als die volle Punktzahl zu geben. Mehr von solchen Spielen. Dieses hier ist jeden Cent wert gewesen.
Ach ja, wichtig zu erwähnen, da für einige Kunden kaufentscheidend: Dishonored ist an Steam gebunden. Für mich persönlich kein Problem, daher auch keine Abwertung, aber wer das anders sieht, sei auf diesen Umstand dennoch hingewiesen.