Brian Eno ist nicht nur renommierter Produzent, sondern auch Kulturphilosoph, Essayist, politischer Denker und Installationskünstler. Ein heller Kopf und fester Bestandteil der britischen Kuturszene. Er versteht es genauso gut, eine erfolgreiche Pop-Platte zu machen (David Bowie, U2, Coldplay), wie einen Vortrag über das Warum und Wieso von Modeerscheinungen zu halten. Eine solche Vielseitigkeit ist für Fans immer eine Herausforderung, nicht jeder kann da allem folgen, aber das hat Brian Eno eigentlich noch nie gestört. Vielseitigkeit ist sein Markenzeichen. Wenige Musiker sind so konsequent eigensinnig und innovativ wie er und doch steht seine Musik immer im Gegensatz zum vorherrschenden Zeitgeist. Das trifft besonders auf die "Discreet Music" zu. Da ist kein Gesang, kein Beat, kein Arrangement, kein Refrain - einfach nichts von dem, was man von einer Platte damals erwartete. Es ist nicht rockig, nicht psychedelisch, nicht exotisch oder ironisch, es ist - einfach angenehm ruhige Musik. Mehr nicht. "Discreet Music" besteht aus nur drei Motiven mit bis zu 4 Tönen, die von einem flötenähnlichen Synthieklang gespielt werden. Dieses Ausgangsmaterial wird mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten abgespielt und übereinandergelegt, so dass die ursprünglichen Melodien in wechselnden Tonhöhen und Konstellationen zueinander erklingen. Heraus kommt eine abwechslungsreiche, meditative Klanglandschaft, welche eine ähnliche Wirkung hat, wie etwa ein Morgenspaziergang am Meer. Die Einfachheit dieser Musik macht sie zugleich auch zeitlos. Nach über 30 Jahren ist diese Platte immer noch frisch, leicht und kein bischen muffig. Als Brian Eno "Discreet Music" aufnahm, gewann die elektronische Musik gerade an Einfluss: Kraftwerk hatte nur ein Jahr zuvor einen Riesenerfolg mit der 74 erschienenen Autobahn, Giorgio Moroder gelingt mit Donna Summers "I Feel Love" ein vollelektronischer Disco-Knüller und aus Berlin kommt seit Anfang der 70er eine noch nie gehörte "Kosmische Musik". Es wurde klar, dass mit den Geräten, die Eno immer als "Treatments" für Gitarren und andere Instrumente einsetzte, sich eine eigene Musik machen liess. Die Plattenregale der hippen Alternativhörerschaft begannen sich schon damit zu füllen. Elektronische Musik war "the new thing" und hatte einen Zauber, der sich auf vielen legendären Alben dieser Zeit wieder findet. So auch auf "Discreet Music". Für das Titelstück braucht Eno lediglich einen Synthesizer, ein Tapeloop und eine Bandmaschine. Im Inneren der LP befindet sich auch eine schematische Abbildung des Aufbaus, ganz in der Tradition der akademischen elektronischen Studios der 60er. Die Skizze ist zwar nicht wirklich nötig, lässt aber vermuten, dass diese Platte mehr für Kunstinteressierte oder Musiker gedacht war, als für das breite Publikum. Trotzdem gilt sie heute als Wegbereiter der "Ambient Music", welche Brian Eno damals fast zufällig entdeckte. Die Geschichte lässt sich etwa so zusammenfassen: Während eines Krankenhausaufenthaltes hört er eine Platte mit Harfenmusik des sechzehnten Jahrhunderts und kann aufgrund seiner Bewegungsunfähigkeit die viel zu geringe Laustärke des Plattenspielers nicht hochdrehen. Nach einiger Zeit erscheint ihm diese Art des Musik-Leise-Hörens jedoch sehr interessant, denn es entspricht der Art, wie wir Bilder an der Wand wahrnehmen, wenn wir einen Raum betreten. Musik, die komponiert wird, um Bestandteil der Umgebung zu sein, nennt er fortan "Ambient Music". Das Interesse für diese Musik, die, statt sich als Vordegrund zu betrachten, sich in einen grösseren Rahmen einfügt, verfolgt er seitdem fast ohne Unterbrechung. Es entsteht eine ganze Reihe von Ambient Alben von denen "Music for Airports" und "Music for Films" ihre gedachte Verwendung auch im Titel tragen. Die Idee der hintergründigen Musik, der "Klangtapete", hatte auch ein halbes Jahrhundert früher schon Erik Satie mit seiner "Musique de Meublement". Doch er scheiterte damals am Publikum, welchem er nahelegte, sich ungeniert laut zu unterhalten, während seine exzentrischen Stücke aufgeführt wurden. Das konnte nicht klappen, Musik war doch zum Zuhören da! Vielleicht hätte er mit Schallplatten mehr Erfolg gehabt. Doch Medium hin oder her, Ambient Music hat mit der Chillout-Welle um 2000 eine weltweite Renaissance erlebt und man kann sich vorstellen, dass auch im Online-Zeitalter viele Menschen ruhige Musik zum Arbeiten, Entspannen oder Lesen suchen und denen möchte ich "Discreet Music" nahelegen. Auf die Stücke auf der zweiten Seite gehe ich hier deshalb nicht ein, weil ich sie kaum kenne. Bei mir lief immer nur die A-Seite. Wenn man einmal in der Stimmung von "Discreet Music" ist, dann kann es schnell passieren, dass man das Stück drei bis viermal hintereinander hört. Ein ebenso schönes Stück ist übrigens das 1985 entstandene "Thursday Afternoon", das zusammen mit "Discreet Music" ein guter Einstieg in die Ambient-Welt von Brian Eno ist.