Genau wie auf dem gleichnamigen Album wechselt Samy Deluxe bei seinem Buch "Dis wo ich herkomm" sprunghaft die Genres: Anekdoten aus seiner Jugendzeit wechseln sich ab mit der Darstellung seiner eigenen Star-Erfahrungen, Lebenshilfe für Jugendliche zu Themen wie Drogen und Geld lassen sich ebenso finden wie sozialkritische Auseinandersetzungen mit Feldern wie Rassismus, Patriotismus und Bildung. Insofern sollte man von diesem Buch am besten alles erwarten oder einfach gar nichts, um nicht enttäuscht zu werden. Der Aufbau des Buchs ist assoziativ, man hat den Eindruck, dass Samy Deluxe zu den jeweiligen Kapitel-Überschriften wie "Gras", "Neid", "Hamburg" einfach aufgeschrieben hat, welche Gefühle, Erinnerungen und Meinungen er mit diesen Themenblöcken verbindet, was vielleicht etwas unstrukturiert anmutet, aber gelungen umgesetzt worden ist.
Dass Samy Deluxe mit Worten umgehen kann, steht wohl für jeden, der seine Musik hört, fest. Doch da sich das Verfassen von Rap-Lyrics fundamental vom Schreiben eines Buches unterscheidet, muss man respektvoll anerkennen, wie mühelos dem Hamburger diese grundsätzliche Umstellung gelungen ist. Samy bewegt sich auch in diesem Medium so, wie man ihn von seinen Batteltracks kennt: Eloquent, ironisch, mit Wortwitz und Coolness ausgestattet. Er schreibt reflektierend und nachdenklich, aber nicht spießig und ist damit selbst das beste Argument für seine berechtigte Forderung, dass auch Nicht-Akademiker sich gesellschaftlich einmischen sollten. Denn das, was Samy beispielsweise zu Themen wie Geld oder Neid zu Papier bringt, könnte so ähnlich auch aus dem intellektuellen Werk "Zorn und Zeit" des Philosophen Peter Sloterdijk stammen, wenn man sich dessen hochgestochene Formulierungen einmal wegdenkt. Insofern taugt "Dis wo ich herkomm" stellenweise tatsächlich zum ehrlichen Lebensratgeber, auch wenn man Samy Deluxe anmerkt, dass er aufgrund seiner Vorbildfunktion und gemeinnützigen Tätigkeit nichts Falsches sagen will und einige seiner Erkenntnisse doch etwas zu trivial und lehrerhaft rüberkommen.
Trotzdem: Das Buch ist mit diesen kleinen Abstrichen ein absoluter Volltreffer. Samy Deluxe lässt den Leser an seinem kometenhaften Aufstieg wie auch an seiner teils schwierigen Jugend und den daraus gewonnenen Erfahrungen teilhaben. Gerade diese Episoden sind fast so fantasiereich erzählt wie ein guter Roman, hinzu kommt der ironische Samy-Deluxe-Humor, der sporadisch aufblitzt. Die Zielgruppe des Buches könnte dabei größter nicht sein: Einerseits werden Jugendliche erreicht, die wenig lesen, aber von den Erfahrungen eines anerkannten Idols profitieren können. Andererseits ist dieses Buch auch eine einzigartige Chance, sich mit der Hip Hop Kultur vertraut zu machen. Und zwar in einem Maße, das über die Schwarz-Weiß-Malerei in vielen Medien deutlich hinausgeht.