Henry Kissinger, Jahrgang 1923, geboren in Fürth und 1938 mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Er diente den Präsidenten Nixon und Ford als Nationaler Sicherheitsberater sowie als Aussenminister. Seine Amtszeit war insbesondere von drei Erfolgen gekennzeichnet: Entspannung mit der UdSSR, Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit China, diplomatische Vermittlungsleistungen in Nahost. Sein Arbeitsstil war geprägt von Alleingängen mit denen er die Bürokratie seiner Behörde überging. Sein Leitfaden: die Staatsraison, über alle moralischen Prinzipien gestellt.
Es kann somit nicht verwundert, dass Kissinger in seinem Buch über Diplomatie insbesondere die Realpolitiker ihrer Zeit in einem positiven Licht glänzen lässt: Kardinal Richelieu, Fürst Metternich, Fürst Bismarck, aber auch Theodor Roosevelt und natürlich Nixon. Wo aber ist der im Kongo umgekommene UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld? Als der UN-Sicherheitsrat während der Suezkrise durch das anglo-französische Veto lahmgelegt ist, gelingt ihm ein genialer Schachzug: er reaktiviert den "Uniting for Peace Resolution"-Mechanismus mit Hilfe der blockfreien Staaten, ein unglaublicher Präzedenzfall. Hammarskjöld verstand wie kaum ein anderer UN-Generalsekretär die ihm gegebenen Mittel zu nutzen. Innerhalb von 48 Stunden organisierte er die erste wirklich internationale Polizeitruppe, die UNEF, eine moralische Instanz, ein Puffer zwischen den Konfliktparteien. Hammarskjölds Vision der Vereinten Nationen war aussergewöhnlich, etwas wirklich Neues entstand unter seiner Führung. Seine so genannte vorbeugende Diplomatie war wegweisend. In Kissingers Buch jedoch erfährt er keine Würdigung. Kissinger behauptet auf S. 542, dass es Eisenhower war, der die Generalversammlung nach dem Veto Englands und Frankreichs anrufen wollte. Hammarsjkölds Namen habe ich nirgendwo gefunden. Kissingers Sicht der Ereignisse ist nicht nur in diesem Fall irritierend.
Über weite Teile dieses Buches hatte ich den Eindruck, dass es dem ehemaligen Aussenminister vor allem um eine Rechtfertigung amerikanischer Handlungen ging; S. 615 über Konzepte zur westlichen Einheit: Ultimately, the issue came down to the question of why nations cooperate. In the American view, all reasonable peoples in the end come to the same conclusion; hence, common objectives are taken more or less for granted, and emphasis is placed on the machinery with which to implement the underlying harmony. Die Europäer hingegen mit ihrer langen Geschichte von gegensätzlichen nationalen Interessen würden die Bedeutung der Harmonie anders sehen. Der Rezensent wundert sich freilich ob der Art und Weise, mit welcher die USA ihre harmonische Sicht der Dinge weltweit verbreitet haben, sei es im Iran (Mossadegh) oder später in Chile (Allende).
Immerhin gesteht Kissinger an einigen Stellen auch offen Fehler ein. Im Falle des Vietnamkrieges ist er im Rückblick der Meinung, dass man frühzeitig in Laos hätte eingreifen müssen. Dort wäre eine Eskalation des Partisanenkrieges nicht möglich gewesen, ein Sieg über Nordvietnam mit geringeren Mitteln realisierbar gewesen. Als Nixon die Amtsgeschäfte übernommen hatte, gab es sehr wohl ein Memorandum von Anthony Lake, Kissingers executive assistant und Clintons späterer Nationaler Sicherheitsberater. Dieses Memorandum sah viele der späteren Probleme voraus. Kissinger beschreibt immerhin, dass und warum er nicht bereit war sich dafür einzusetzen, so dass der Krieg unnötig verlängert wurde.
Diese Beispiele veranschaulichen sehr gut meine Kritikpunkte an Kissingers Buch: zum einen der Versuch die amerikanischen Handlungen als gut und richtig darzustellen, zum anderen sind viele Ereignisse einseitig beschrieben. Leistungen von Nicht-Amerikanern werden nicht immer erkannt und gewürdigt. Selbstkritik findet nur da statt, wo man sie wirklich nicht mehr leugnen kann. Kurz: Kissinger gibt sich nur scheinbar objektiv. Innenpolitische Faktoren, die sich auch aussenpolitisch auswirkten, werden vernachlässigt, zum Beispiel die Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King wird nicht erwähnt, auch der Widerstand gegen den Vietnamkrieg wird nur unzureichend gewürdigt. Des Weiteren ignoriert Kissinger die Möglichkeiten, welche die Vereinten Nationen bieten.
Er stellt zwar verschiedene Arten von Diplomatie vor, insbesondere am Beispiel Europa versus Amerika bzw. bei der Gegenüberstellung von Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson, erkennt jedoch nicht, dass die interessantere Frage die einer alten und neuen Diplomatie wäre. Realpolitik versus Idealpolitik. Oder am Beispiel des Versailler Friedensvertrages: ein Gerechtigkeitsfrieden mit dem Ziel der Versöhnung oder ein Diktatfrieden? Kissinger stellt die Ereignisse nicht in Frage, sondern erzählt nur seine Version der Fakten. Meine Erwartung war nicht eine reine Dokumentation der vergangenen Machtpolitik. Ich hatte mir auch Analysen erhofft wie internationale Politik besser funktionieren kann, eine internationale Politik, die von ethischen Grundsätzen geleitet ist.
Alles in Allem wäre zu sagen, dass DIPLOMACY zwar lesenswert ist, man sich aber bei der Lektüre stets bewusst machen sollte, dass Kissinger SEINE Version der Ereignisse erzählt, eine Version, die von SEINER Vorliebe für die Realpolitik geprägt ist, eine Version, die ethische Grundsätze nur unzureichend berücksichtigt. Der Text ist gut lesbar und verständlich, einem Anfänger der englischen Sprache würde ich dieses Buch dennoch nicht zumuten wollen.