Es steht außer Frage, dass der norwegische Sänger Jorn Lande ein guter seiner Zunft ist. Davon zeugt auch sein Engagement in zahlreichen verschiedenen Bands, das allerdings im Erscheinungsjahr von "Dio" bei Teilen des Publikums zu einer gewissen Übersättigung geführt hat. Ebenfalls bekannt ist, dass der im Mai 2010 verstorbene Ronnie James Dio das größte musikalische und künstlerische Vorbild des Norwegers ist. Das war seiner Gesangsstimme übrigens schon immer sehr deutlich anzumerken... Insofern ist es durchaus legitim, wenn Lande ein Album herausbringt, das dem viel zu früh verstorbenen Meister Tribut zollen soll.
Es gibt demnach an "Dio" auch zahlreiche positive Aspekte hervorzuheben. Technisch ist alles im grünen Bereich, die Produktion ist extrem druckvoll und sauber und die Band beherrscht ihr Handwerk erstklassig. Auch die Songauswahl geht in Ordnung, entspricht aber nicht den gängigen Best-Of-Erwartungen. Hier scheint Lande eher Songs aus der Dio-Diskografie genommen zu haben, die ihm persönlich wichtig sind. Klassiker wie "Holy Diver" oder "Rainbow In The Dark" sucht man vergeblich, auch Black-Sabbath-Standards wie "Heaven And Hell" oder "Neon Knights" fehlen (aus rechtlichen Gründen?). Das spielt allerdings keine große Rolle, da diese Tracks sowieso bereits mehr als einmal gecovert wurden und man so endlich einmal unbekannteres Material zu hören bekommt (abgesehen vielleicht von "Stand Up And Shout" und "Don't Talk To Strangers"). Zuguterletzt enthält die Scheibe mit dem "Song For Ronnie James" eine gut gelungene Huldigung an einen der wichtigsten und besten Sänger aller Zeiten; wobei man sagen muss, dass der Song vor allem aufgrund der zeitlichen Nähe zu Dios Ableben sehr emotionalisiert - ohne diesen Faktor würde das Stück wohl nicht ganz so wohlwollend betrachtet werden. Zu diesem Lied ist übrigens auch ein recht schnörkelloser Videoclip auf der CD enthalten, der mir sehr gut gefällt.
Trotz all dieser positiven Aspekte habe ich allerdings gewisse Probleme mit der CD. Eigenen Angaben zufoge waren die Songs schon seit längerer Zeit im Kasten - wieso die Veröffentlichung danach ausgerechnet wenige Wochen nach dem Tod von Dio stattfand, ist schwer nachvollziehbar - es sei denn, kommerzielle Aspekte spielten hier eine Rolle. Das könnte nur gutgeheißen werden, wenn die Einnahmen einem guten Zweck (Ronnie James Dio hatte ja beispielsweise eine Krebsstiftung ins Leben gerufen) zugute kommen würden. Davon war leider weder bei Veröffentlichung noch in den Wochen danach etwas zu hören - hierzu mag sich jeder selbst seinen Teil denken, sehr glücklich sieht das ganze jedenfalls nicht aus. Aus rein künstlerischer Sicht stellt sich natürlich - wie bei jedem Cover-Album - die Frage nach dem Sinn und Wert einer solchen Compilation. In diesem Fall liegt das vor allem daran, dass Lande und seine Band den Songs bis auf teilweise erhöhtes Tempo und einige Kleinigkeiten keinen eigenen Stempel aufdrücken sondern so nahe wie möglich am Original bleiben. Das führt so weit, dass man bei einigen Stücken kaum einen Unterschied zu den alten Aufnahmen bemerkt - mit einem Unterschied: So talentiert der Sänger auch sein mag, er strengt sich einfach viel zu sehr an, ganz genauso wie sein Vorbild zu klingen. Dafür fehlt ihm dann aber doch ein Quäntchen und damit fragt man sich automatisch nach der Existenzberechtigung dieser Platte. 11 Songs, die man beinahe genauso kennt und denen lediglich die letzte Magie des Altmeisters fehlt? Meiner Ansicht nach überflüssig...
Zusammenfassend wäre es meiner Ansicht nach besser gewesen, mit der Veröffentlichung von "Dio" ein wenig länger zu warten und es voerst beim "Song For Ronnie James" zu belassen. Für dieses Stück gibt es dann auch die 2 Sterne, alles andere höre ich mir dann doch lieber vom Meister persönlich an.