20 Jahre lang jeden Monat (und es fehlt kein einziges Mal) ein Essay zu schreiben, ist sicher eine harte Arbeit. Ich bin aber fest davon ueberzeugt, dass Gould es aus seinem inneren Drang heraus tat. Die vorliegende siebte Essaysammlung nach - 1 Darwin nach Darwin 2 Der Daumen des Panda 3 Wie das Zebra zu seinen Streifen kam 4 Das Laecheln des Flamingos 5 Bravo, Brontosaurus 6 Eight Little Piggies - beginnt mit der Szene, in der New Yorker eine Naturerscheinung, eine Sonnenfinsternis geniessen. Eine wunderschoene Einfuehrung in den ersten Teil "Himmel und Erde". Das folgende Kapitel faengt mit der Frage an, die Napoleon an Laplace(1749-1827)gestellt haben sollte: Wie haben Sie so viel ueber die Funktion des Firmaments schreiben koennen, ohne Gott zu erwaehnen? Danach folgte das dritte Kapital: Wann u. wozu wurde das Bild von der flachen Erde des Mittelalters erfunden?
Der zweite Teil "Literatur u. Naturwissenschaftler" enthaelt 3 Essays(4-6), die alle mit einem Sprichwort od. Gedicht anfangen und mit Worten von Darwin(4), Tennison(5), sowie Swift(6) enden, was typisch fuer Goulds Essays ist. Darauf hat Richard Dawkins auch in seinem Essay hingewiesen, "Gould's writing has something of the predictability that we enjoy in Mozart, or in a good meal...The essays themselves, too, often seem to follow a formula or menu. As appetizer there is the quotation from light opera or the classics,..."(S.231 in "A Devil's Chaplain"). Nur konnte ich zum Glueck kaum voraussehen( keine predictability), welche Schlussfolgerungen aus so ausgreifenden Themen gezogen wurden.
Durch diese Essayserie beschrieb Gould nicht nur biologische Vorgaenge, sondern auch seine philosophischen, literarischen sowie psychologischen Ansichten. Das fand ich unheimlich interessant, regte mich sehr oft zu weiterem Nachdenken an.
Manche empfand ich aber nicht ganz so schoen. Zu Anfang "Suesse u. Licht"(6)z.B. fand ich hervorragend. Die Formulierung: "Trilobiten sind sowohl jung (vom Ursprung des vielzelligen Leben aus gesehen), und alt (wenn man von heute aus zurueckblickt)"(S.108), fesselte mich stark. Aber das war der Hoehepunkt des Aufsatzes. Alles Weitere war mir etwas zu viel.
Der dritte Teil "Entstehen, Stabilitaet, Aussterben" besteht aus 6 Essays(7-12). Wann begann eigentlich das Kambrium? Die Koevolution zwischen Blueten u. Insekten hat zwar recht, aber koennen die entscheidenden Faktoren der Entwicklungsgeschichte immer mit den allgemein anerkannten Theorien geklaert werden? Hier bleibt Gould dem Prinzip treu, sich auf die Evolution zu konzentrieren. Seine Lieblingstheorie "Zufallskraefte" tritt auf.
Die Einwirkung der Zufallskraefte auf die Evolutionsgeschichte ist auch im "Dinosaurier im Heuhaufen"(11) die wesentliche Frage. Hier geht es um eins unserer Lieblingsthemen: woran die Dinosaurier ausstarben, was heute noch diskutiert wird. Die groessere Bedeutung des Essays habe ich aber erst durch Richard Forteys Buch erkannt, das ich gerade lese. Hier moechte ich die betreffende Stelle und auch die Stelle der damaligen Aufgeregtheit unter den Palaeontologen um die bahnbrechende Theorie ueber das Dinosaurieraussterben zitieren, weil sie so lebendig u. humorvoll geschrieben ist. "Die Palaeontologen sind es gewohnt, in der Wissenschaftsfamilie im Vergleich zu den Physikern und Mathematikern als arme Verwandte zu gelten, wie die obskuren Vettern, die nur zu Weihnachten und zu Ostern ins grosse Haus geladen werden. Doch auf einmal ergab sich die Chance, am Kopf der Tafel zu sitzen! Alle wollten wissen, was von der neuen Idee zu halten sei. Wer Profile mit kontinuierlichen Gesteinsablagerungen an der Verbindungsstelle von Kreidezeit und Tertiaer kannte, untersuchte sie erneut auf moegliche Einschlaege hin... Beweise fuer die Meteoritentheorie liessen sich aus aller Welt abrufen, denn ein Profil nach dem anderen zeigte eine Iridium-Anomalie...Es kam aber noch besser. Alsbald bildete sich eine skeptische Richtung heraus, die die im Gestein sichtbaren Effekte anders als mit dem Einschlag von Boliden erklaeren zu koennen glaubte und sogar der Ansicht war, der Aufschluss spreche gegen einen Einschlag...Wo immer zwei Palaeontologen zusammentrafen, tastete sich das Gespraech an die zaghafte Frage heran: < Glauben Sie, oder glauben Sie nicht? >...Die wissenschaftliche Welt wartete gespannt darauf, wie der Oberdenker, Stephen Jay Gould von der Harvard-Universitaet, sich entscheiden wuerde. Endlich erteilte er in einem Artikel in "Natural History" der Deutung des K/T-Aussterbens als Katastrophe ausserirdischen Ursprungs seinen Segen" (S.322-324 Leben dtv)
Bei dem Artikel ueber das letzte Urteil handelt es sich sicher um den Essay "Dinosaurier im Heuhaufen".
Gould, der grosse Palaeontologe u. naturwissenschaftliche Essayist, sagte, er sei kein Universalgelehrter, sondern Handwerker. Diese Worte waren besonders in "Poes Hit"(13) nachvollziehbar. Edgar Allan Poe / Plagiat / Schulbuecher / Lohnarbeit / Konchologie. Wer koennte einen ruehrenderen Aufsatz mit diesen Schluesselwoertern machen, die miteinander anscheinend in keinem Zusammenhang stehen? Gould schaffte es! Das ist ein von einem erstklassigen Handwerker angefertigtes Kaleidoskop.
Der fuenfte Teil "Die Pracht der Museen" umfasst 5 Essays(16-20). Die fehlenden Abschnitte im Dinosaurier-Programm durch die DNA heutiger Froesche wie beim Jurassic Park zu ersetzen, ist einfach dumm. Wie waere es dann mit 100 Prozent Dinosaurier-DNA? Ist ein Tier die Summe seiner einzelnen Gene?(16)
Gute alte Zeit, gute alte Museen, die ganze Vielfalt der Natur zur Schau stellen(17).
Beim sechsten Teil "Die vielen Gesichter der Eugenik"(21-23) erwaehnte Gould die seltsame Theorie, Lungenkrebs koenne zum Rauchen fuehren (nicht umgekehrt!) von Sir Ronald Aylmer Fischer(1890-1962), dem Begruender der modernen Evolutionstheorie(22). Gould, der weder Dichter noch Historiker war, griff das Thema "das Wannsee-Protokoll" auf. Als Biologe aeusserte er seinen Zorn auf eine perverse Fehlinterpretation Darwins. Sein einziger Essay ohne Humor(23).
Der 600-seitige Essayband gliedert sich in 8 Teile, aber alle 33 Essays sind voneinander abgeschlossen, daher braucht man ihn nicht in einem Zug zu lesen. Ich habe ihn auch noch nicht vollstaendig gelesen und werde noch einige Zeit brauchen, um alle Kapitel durchzulesen.